Trojaburg
 
 
07-01-18 16:46 Alter: 342 Tage

Unstimmigkeiten der Out-of-Africa-These

Festigt die Genetik das Lehrbild der afrikanischen Urheimat?

Menschentwicklung und Gehirngröße
Menschentwicklung und Gehirngröße

Während die Abstammungsrekonstruktion über die Haplogruppen-Bestimmung plausibel klingt und logisch erscheint, existiert doch eine Reihe von Faktoren, die das harmonische Bild stören und in der Konsequenz dazu führen, daß dieses heute vorherrschende Bild in Frage gestellt werden muß.
Erst kürzlich etwa wurden im Balkanraum Fossilien aufgefunden, die einer Vorform des Homo zugewiesen werden konnten. Das Alter der Knochenfragmente wurde auf 7,2 Mio Jahre datiert, was nahelegt, daß der Vorfahr aller Menschenformen nicht in Afrika, sondern in Europa entstanden sein könnte.
Kurz darauf wurden im hessischen Eppelsheim zwei 9,7 Millionen Jahre alte Zähne einer Menschenaffenart gefunden, die bislang lediglich aus Afrika aus einer Zeit vor etwa 4 Millionen Jahren bekannt war. Mit den frühen Menschenaffennachweis in Europa mehren sich Zweifel an der bislang unstrittigen Urheimat der Homo-Entwicklung in Afrika.
Unterstützung findet die Ablehnung der klassischen Out-of-Africa-These durch in Europa aufgefundenen Homo Heidelbergensis-Skelette, die als direkte Nachfahren des Homo Erectus dennoch enger verwandt mit dem Homo Sapiens scheinen, als mit dem Neandertaler, der bereits seit 300.000 v. Zw. in Europa lebte. Ein frühes Indiz gegen die OoA-Theorie war der Fund des Steinheim-Schädels (zwischen 250.000 und 300.000 v. Zw.) der physiognomisch näher am modernen Menschen liegt, als der Neandertaler und somit schlecht als Entwicklungsstufe zwischen Erectus und Neandertaler erklärt werden kann. Ebenso zählt der Ehringsdorfer Fund (um 200.000) in diese Kategorie. Der eine Gehirnkapazität von beachtlichen 1450 cm³ aufweisende Schädel wurde von Günther Behm-Blancke in den 1960er Jahren der Entwicklungslinie des modernen Menschen zugeordnet. Eine Nachuntersuchung durch den Anthropologen Emanuel Vlček 1982 bestätigte viele Homo-Sapiens-Merkmale.  Entweder muß es demnach eine weitere Homo-Form in Europa gegeben haben, die in einer Sackgasse endete,  oder wir haben es hier mit einer Entwicklungsstufe zum modernen Menschen zu tun, die die OoA widerlegen würde.

Das Bild des Neandertalers indes durchlief in den zurückliegenden Jahren ebenfalls eine enorme Wandlung: Vom tumben Halbaffen mutierte er zum Stammesbruder des Menschen, der mit einem Gehirnvolumen zwischen 1200 bis 1750 Kubikzentimeter (im Mittel rund 1450 cm³), ein durchschnittlich sogar größeres Gehirn als der heutige Mensch (1400 cm³) aufwies.
Dies stimmt mit der Erkenntnis überein, daß ein großes Gehirn großer Kühlung bedarf und sich entsprechend vor allem dort ent-wickeln kann, wo gemäßigte bis kühle Temperaturen vorherrschen. Bereits für 400.000 Zw. sind Angehörige einer Homo-Erectus Population nachgewiesen, die in Hütten lebten und Speere bauten mit denen sie regelrechte Treibjagden auf Pferdeherden durchgeführt haben müssen. Die im niedersächsischen Schöningen aufgefundenen Knochenreste zahlreicher Pferde belegen schon für diesen frühen Zeitpunkt die Existenz einer Kultur, die sich einer Kommunikationsform bedient haben muß, um komplexe Dinge wie eine großangelegte Jagd betreiben zu können. Vervollständigt wird das Bild eines bereits hochentwickelten Menschen durch
Einritzungen von Strukturen auf Knochenstücken. Drei gleichartige Aststücke mit einer Einkerbung an der gleichen Stelle weisen zudem auf zusammengesetzte Gerätschaften hin, sogenannte „Kompositgeräte“. Für das thüringische Bilzingsleben liegen zeitgleiche Gebrauchsspuren an Knochengeräten vor, die eine systematische Bearbeitung von Fellen und Häuten
nahelegen.  
Auch der kulturelle Verstand des frühen Menschen war offenbar schon viel früher ausgeprägt, als lange Zeit angenommen. Die älteste „Kultstätte“ wurde kürzlich in einer Höhle in Südfrankreich entdeckt und wird auf ein Alter von 175.000 Jahren datiert. Bei der vermutlich von Neandertalern angelegten Formation handelt es sich um Kalksteine, die in zwei unterschiedlich großen Kreisen formiert wurden.
Mittlerweile widerlegten auch genetische Untersuchungen die früheren Erkenntnisse, wonach der Neandertaler sich genetisch im modernen Menschen nicht nachweisen lasse. 1-4 % des menschlichen Genoms beim Europäer, etwas weniger beim Asiaten, stammen den neuen Erkenntnissen zufolge vom Neandertaler — beim Afrikaner hingegen fehlt dieser Anteil komplett.     Wenn also der Neandertaler dank seines großen Gehirns eine hohe Kulturstufe erreicht hatte und frühe Kulturerrungenschaften des modernen Menschen erst in Europa ab 40.000 v. Zw. nachzuweisen sind, dann liegt es nahe, diese der Vermischung zwischen Neandertaler und Homo Sapiens zuzuschreiben. Auffällig ist jedenfalls, daß je mehr Nerandertaler-Gene der Mensch aufweist, um so höher seine Produktivität hinsichtlich künstlerischer und technischer Erzeugnisse erscheint. Auf der Grundlage dieser Befunde begreifen viele Archäologen diese jungpaläolithische Kultur (ab 40.000 v. Zw.) als „kontinuierlich aus der mittelpaläolithischen erwachsen.“ Eine Zuordnung von Kulturstufe zur Menschenform sei dadurch, so Vonderach „nicht so eindeutig, wie lange angenommen.“

So wie die archäologische „Eindeutigkeit“ bröckelte, verliert auch die genetische Grundlage der Afrika-Herkunft zunehmend an Substanz. Bereits der Genetiker Bruce Lahn hatte gemeinsam mit Kollegen deutliche genetische Unterschiede der Gehirnentwicklung zwischen heutigen Völkern erkannt. Diese Vielfalt, so Lahns vorsichtige Schlußfolgerung, erweise sich „immer mehr als Problem bei der Suche nach der direkten Linie zum modernen Menschen.“ Denn das für das Hirnwachstum bedeutsame Microcephalin-Gen sei von den Vormenschen an den modernen Menschen vererbt worden. Inzwischen sei das archaische Gen bei mehr als zwei Dritteln der Erdbevölkerung im Erbgut verankert, insbesondere bei den Europäern. Und das wiederum weise auf den europäischen Neandertaler als ursprünglichen Träger des Gens hin, der dieses dann als Sexpartner an den aus Afrika zugewanderten modernen Menschen weitergab, wie Lahn argumentierte.  
Jüngst bestätigte eine Neudatierung älterer Funde die grundsätzliche Skepsis an dem heute vorherrschenden, genetikbasierten Lehrbild: So wurde im nordafrikanischen Djebel Irhoud ein Hominidenskelett entdeckt, das dem modernen Menschen zuzuordnen ist und nach neuer Datierungsmethode ein Alter von fast 300.000 Jahren aufweist. Demnach wäre aber nicht nur das Alter der frühesten direkten Vorfahren um 100.000 Jahre nach hinten verlegt, sondern auch die Annahme eines letzten gemeinsamen Vorfahren vor 160.000 Jahren unwahrscheinlicher geworden. Zudem wäre damit nicht mehr nachvollziehbar, warum der moderne Mensch erst um 100.000 v. Zw. Afrika verlassen haben soll.
2013 wurde die Skepsis gegenüber der Adam-Vererbungslinie durch einen genetischen Zufallsfund verstärkt, der bei einem Afroamerikaner eine Y-Haplogruppe nachwies, die deutlich älter sein muß, als die bislang als erste angesetzte A-Linie. Genetische Verwandte, die in Kamerun aufgespürt wurden, bestätigten diese archaische Y-Haplogruppe, die den jüngsten gemeinsamen Vorfahren aller Menschen auf die Zeit um 338.000 v. Zw. heraufsetzt.     
Schon früh meldeten Kritiker auch Zweifel an der Belastbarkeit der afrikanischen Ur-Mutter-These an, die primär auf Verteilungshäufigkeiten und Statistik basiert. Als einer der wenigen zitierte Martin Kuckenburg 1999 Kritik am „genetisch induzierten“ Freudentaumel der Out-of-Africa-Befürworter. Das Computerprogramm PAUP mit dessen Hilfe das Alter der letzten gemeinsamen Vorfahrin auf etwa 170.000 Jahre berechnet worden war, wurde zuvor auf bestimmte Ergebnisse begrenzt. Unliebsame potentielle Ergebnisse wurden so ausgeschlossen. Im großen Medienecho von Ur-Eva und Ur-Adam blieben kritische Stimmen anderer Genetiker, die mit ähnlichen Programmen ein viel höheres Alter errechnet hatten, ungehört. Der Genetiker Alan Templeton etwa fand bei einem Probedurchlauf mit dem Paup-Programm und demselben Datenmaterial 100 wahrscheinlichere Stammbäume. Ein Genetiker-Team aus Berkeley fand auf dieselbe Weise sogar eine ganze Reihe von Stammbäumen, die auf eine außerafrikanische Heimat und ein Alter hinwiesen, in dem der moderne Mensch offiziell noch gar nicht existierte. Dies aber würde zwangsläufig eine multiregionale Entstehung des modernen Menschen bedeuten. Allerdings sei auch diese Studie angreifbar, da ihre Methodik äußerst kompliziert und auch für Fachleute kaum nachvollziehbar war.
Durch diese Erkenntnisse gewann eine längst vergessen geglaubte Theorie der Menschentstehung neuen Boden: Die Theorie der multiregionalen Entstehung des modernen Menschen in verschiedenen Teilen der Welt, die in erster Linie durch charakteristische Eigenschaften bzw. morphologische Züge regionaler Jetztzeitmenschen nahegelegt wird, die sich bereits bei den Erectus-Formen nachweisen lassen.
Aus China liegt beispielsweise aus der Zeit zwischen 250.000 und 100.000 eine Reihe von Funden vor, die deutlich modernere  Menschenformen widerspiegeln, als sie zeitgleich in Afrika lebten. 2009 präsentierte der chinesische Forscher Wu Xinzhi einen Unterkiefer aus seiner Heimat, dessen Alter mit rund 100.000 Jahren angegeben und einem frühen Homo sapiens zugeschrieben wurde. Zugleich erneuerte er die Kritik, daß die genetischen Beweise für eine Abstammungspopulation aus Afrika seit 100.000 v. Zw.  unbrauchbar, weil unzuverlässig seien. Zuletzt bestätigte ein weiterer Fund in China die Skepsis an der klassischen OoA-Theorie: Erik Trinkaus von der Universität von Washington und Forscherkollegen vom Institut für Wirbeltierpaläontologie und Paläoanthropologie in Peking haben an einem 2003 in der Tianyuan Höhle bei Peking entdeckten Skelett eine interessante Entdeckung gemacht. Die mit einem Alter von 42.000 bis 38.500 Jahren ältesten Knochenreste des modernen Menschen in China weisen an den Zähnen und den Handknochen archaische Charakteristiken auf, die an eine direkte Entstehung aus Präsapiens-Formen in Asien denken lassen. Eine große Zahl asiatischer, vor allem chinesischer Forscher tendiert deshalb heute dazu, den asiatischen Menschen als Nachfahren des Homo Erectus anzusehen.

Die Summe der jüngeren Erkenntnisse läßt es mittlerweile als unwahrscheinlich erscheinen, daß die noch favorisierte These der direkten Einwanderung des modernen Menschen von Afrika nach Europa und Verdrängung aller anderen Hominiden aufrechtzuerhalten ist. Dies korreliert mit der Erkenntnis, daß neue Kulturerzeugnisse, die seit 45.000 v. Zw. in Europa erscheinen, irgendwo Entwicklungsstadien durchlaufen haben müssen. Da diese in Afrika fehlen, ist ein dortiger Ausgangspunkt der Kulturschöpfer unwahrscheinlich. In Europa finden sich dagegen schon 350.000 Jahre zuvor Vorstufen der
kreativen Entwicklung.    
Ausgehend von der Frage, warum denn trotz nachgewiesener Vermischung zwischen modernen Menschen und Neandertalern keine mt- oder Y-Haplogruppen von Neandertalern bekannt sind, stellte der Naturwissenschaftler Austin Whittall eine These auf, welche anthropologische, archäologische und genetische Erkenntnisse in Übereinstimmung bringen könnte. Whittal zufolge könnte dies daran liegen, daß die Haplogruppen wesentlich älter sind, als angenommen und bereits archaischen Menschen zuzuordnen sein könnten. Demnach könnten beim europäischen Menschen vorhandene Haplogruppen vom Neandertaler stammen.
Eine alternative Lösung des biologischen Rätsels, wie eine Menschengruppe, die bei ihrer Ankunft schlecht an die unwirtlichen Verhältnisse Mittel- und Nordeuropas angepaßt war, den dort schon länger lebenden gut angepaßten Neandertaler verdrängen konnte, bietet die These einer parallel zum Neandertaler und Denisova-Menschen lebende weitere Menschenart. Obgleich dies durch die Y-Haplogruppenforschung bislang unwahrscheinlich erschien, könnte eine dem Homo-Sapiens nahestehende Gruppe — etwa der Steinheim-Mensch — über einen längeren Zeitraum in einem Gebiet Nordeuropas abgeschieden worden sein. Hier hätte sie dieser These zufolge dann über mehrere Tausend Jahre hinweg rassische und kulturelle Eigenschaften erworben, die erst um 40.000 in Südwesteuropa sichtbar werden. Wo aber kann dieses Gebiet gelegen haben, das man bislang in der Forschung vergeblich suchte?

Auszug aus: D. Krüger: Hyperborea

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