„Arier und Juden“ in der esoterischen Überlieferung: zwei rivalisierende einstige Bruderstämme?
Vor zwölftausend Jahren ging ein Reich in einer riesigen Katastrophe zu Ende, wie es bis heute nie wieder auf der Welt existiert hat. Thule war das Reich einer Rasse, die von den Göttern abstammte. Diese Rasse verfügte über ein unbeschreibliches Wissen, das weit über das heute bekannte hinausging. […] Einige der Wesen aus Thule überlebten die Katastrophe, die die Bibel als Sintflut beschreibt. Sie zogen in die Welt und trafen dort auf die Anfänge der Menschheit, die gerade ihre ersten Schritte in die Geschichte machte. Sie wurden als Götter verehrt, denn sie stammten von ihnen ab. Ihre Fähigkeiten faszinierten die Menschen, die keine Erklärung dafür hatten. Doch was sollten die Wesen von Thule mit den Menschen tun? Diese Frage spaltete die letzten Abkömmlinge der Götter. Die einen wollten, wenn die Zeit dafür reif war, aus den Menschen ihresgleichen machen. Sie wollten ihnen den Hauch des Göttlichen verleihen und sie teilhaben lassen an ihrem gigantischen Wissen, sie emporsteigen lassen zu neuen Höhen. Die anderen wollten, daß die Menschen bleiben, was sie sind. Diese Gruppe wollte weiterhin als Götter verehrt werden. Für sie waren die Menschen nichts anderes als Herden von höheren Tieren, die der Führung von Hirten bedürfen. Sie wollten ihr göttliches Wissen mit niemandem teilen, denn sie fühlten sich selbst als Götter. Und so kam es, daß sich die Wesen von Thule in zwei Gruppen aufspalteten. Die einen folgten dem Weg zur linken Hand und nannten sich nach ihrem Orakel Agarthi. Die anderen, die dem Rechtsweg folgten und weiterhin als Götter verehrt werden wollten, waren die Schamballah. Beide Gruppen aber, selbst jene der Schamballah, vermischten sich im Laufe der Jahrtausende mit den Menschen, so daß sie ihnen äußerlich immer mehr glichen. Und doch wurde das aus Thule überlieferte Wissen bis heute bewahrt. Die beiden Gruppen aber, Agarthi und Shamballah, stehen seit Jahrtausenden im Kampf gegeneinander. Und das unterschiedliche Schicksal, das sie den Menschen zugedacht haben, ist der Grund dafür.«
Was hier mit Agartha und Shambala umschrieben wird, ist ein postulierter Gegensatz zwischen „Arier- und Judentum“. Die gemeinsame Abstammung von „Juden“ und „Ariern“, die in eingangs zitiertem Roman beschrieben wird, ist indes keine Erfindung des Autoren Russel McCloud, sondern ein Motiv, das in einer ganzen Reihe von Veröffentlichungen aufgegriffen wird.
Im Kern geht es darum, daß sowohl die ursprünglichen Juden als auch die „Arier“, also der nordische Mensch indogermanischer Sprache („Urgermanen“), aus dem Norden Europas stammen. Ihre Vorfahren waren demnach die ersten Kulturmenschen, bevor sich die Wege der Arier von den Juden trennten. Während die Arier dieser Erzählung zufolge anderen Menschen ihr Wissen mitteilen und sie daran teilhaben lassen wollten, mühten sich die Juden um Geheimhaltung ihres Wissens, um damit die übrigen Menschen zu versklaven. Seit der Trennung dieser beiden Stämme würden sie einander als Erbfeinde bekämpfen.
Nun wäre dieses Erzählung von den Bruderstämmen, die getrennte Wege gingen, nicht weiter erwähnenswert, wenn es sich um ein typisches Fragment verschwörungsthoretischer Erzählungen handeln würde, das von verschiedenen Autoren aus einer Phantasiequelle kopiert worden wäre. In diesem Fall jedoch existieren seit einiger Zeit wissenschaftliche Hinweise, die es sinnvoll erscheinen lassen, den Hintergründen und Ursprüngen dieser Überlieferung nachzuspüren.
Woher stammen die im eingangs erwähnten Roman aufgestellten Thesen der gemeinsamen Herkunft von „Juden und Ariern“?“
Einer der bekanntesten Autoren, die davon berichteten, daß „Arier“ und „Juden“ gemeinsamer Abstammung sind, sich aber für unterschiedliche Wege entschieden, war Wilhelm Landig (1909 – 1997). Landig war Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes der SS und während des Krieges Offizier der Waffen-SS, unter anderem in der Division „Florian Geyer“. Nach Verwundung 1944 war er erneut für den SS-Sicherheitsdienst tätig und daher vertraut mit den Forschungen innerhalb der SS. Sehr wahrscheinlich hatte er ebenso Kenntnis von den Forschungen und Expeditionen, die im Rahmen der Organisation „SS-Ahnenerbe“ betrieben wurden, wie von den Erkenntnissen der SS, die aus der Beschlagnahmung von Akten in Stützpunkten der vielen verbotenen Logen herrührten.
In seiner Thule-Romantrilogie – Götzen gegen Thule (1971), Wolfszeit um Thule (1980) und Rebellen für Thule – Das Erbe von Atlantis (1991) – mischte er esoterische Überlieferungen und wissenschaftliche Erkenntnisse zur Frühgeschichte mit zeitgeschichtlichen Ereignissen und erdachten Handlungssträngen.
In seinem Erstwerk „Götzen gegen Thule“ schreibt Landig:
„Alle Logen unterstehen dem ›Head of all true Freemasons‹, die als Hilfstruppen des Berges Zion unter vielfach profanen Tarnungen zum Ziele des One World Government geführt werden. Es ist eine Macht, die über allen anderen Kräften ihr Netz hat und mit allen zusammen gegen den Mitternachtsberg anstürmt….
Die erwähnten Bezirke gehen bis in das Goldene Zeitalter einer längst vergangenen Menschheitsepoche zurück. In den Überlieferungsfragmenten des Verlorenen Paradieses der Atlantisperiode ist unter anderem auch die Rede davon, daß es ein Interregnum gegeben habe, in dem Schwarzmagier semitischer Herkunft über die arischen Atlantier herrschten… Bei den Israeliten eingesickerte esoterische Begriffe und Mysterienweisheit aus dem östlichen Lebenskreis vermittelten ihnen das Wissen um ein esoterisches Weltzentrum, den unter verschiedenen Namen bekannten Berg Meru, den Mitternachtsberg! Dieser Hochsitz des alten Atlantis aus einer Zeit, als Grönland noch das Grüne Land war, erinnerte die Israeliten wieder an das dort einst innegehabte Interregnum ihrer Rasse. Jesaja führte den Berg in der Bibel als Har-Moed, den Berg der Versammlung, an. Daraus entstand eine geistige Variation; der Berg Zion als jüdisches Zentrum mit Jahweh als Baal-Zion. Das Mysterium von Asdard-Aggarth bezeichneten sie auf semitisch: Gabbatha. Das Wissen um diese Dinge verband die Israeliten intuitiv mit einer Sehnsucht nach der glücklichen Zeit ihrer Herrschaft über Generationen von Atlantiern. Dieses mystische Unterbewußtsein ist der wahre Grund ihrer geschichtsperiodisch anhaltenden Unrast und Einsickerung in die westlichen und nördlichen Lebensbezirke. In diesen bilden sie derzeit einen graumagischen Kreis mit einem schwarzmagischen Zentrum, da sie sich vom schwarzkultischen Urgrund nicht zu lösen vermögen. Aus dieser Blickrichtung nach dem arktischen Weltberg resultiert nun das Vordringen in die Bereiche des Großen Pols im Wettlauf mit den weißmagischen Kräften der indo-arischen Gruppen, die eine atlantische Renaissance erstreben. Eine Entscheidung auf lange Sicht bahnt sich an: Entweder bringen die Shriners die Tafeln vom Sinai zum Mitternachtsberg und assimilieren die Weiße Kraft für die Herrschaft des Baal Jahweh, oder das kommende Wassermannzeitalter eines neuen Yuga geht durch das läuternde Feuer des Nordens!“
Landig beschreibt hier u.a. eine Zeit, in der die Vorfahren der Juden und Arier gemeinsam eine subpolare Region bewohnt haben sollen, die mit dem damals klimatisch habitablen Grönland übereinstimmen dürfte, auf dem vermutlich der Mitternachtsberg angesiedelt war. Dieser Berg gilt als mystischer Götter- und Versammlungsberg der esoterischen Überlieferung und erhielt sich als Weltenberg unter verschiedenen Namen, u.a. (Su)Meru in den Mythen der Völker. Dem Mitternachtsberg als Gegenpol gegenübergesetzt wird in der esoterischen Überlieferung der Berg Zion, der die Stätte des Tempels von Jerusalem und Wohnsitz Jahwehs darstellt.
Die von Landig als „Atlantis“ bezeichnete Heimat dieses frühgeschichtlichen Reiches soll der ursprünglichen Überlieferung zufolge um 10.500 v. Zw. untergegangen sein. Die Lage von Atlantis wird von zahlreichen Autoren jeweils in verschiedenen Teilen der Welt verortet.
Auszug aus: „Mitternacht gegen Zion“