{"id":161,"date":"2024-10-15T09:14:35","date_gmt":"2024-10-15T09:14:35","guid":{"rendered":"https:\/\/forsite-verlag.de\/aktuell\/?p=161"},"modified":"2024-10-15T09:14:35","modified_gmt":"2024-10-15T09:14:35","slug":"korrekturen-zur-steppenthese-fakten-zur-y-haplogruppe-r","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/forsite-verlag.de\/aktuell\/?p=161","title":{"rendered":"Korrekturen zur Steppenthese: Fakten zur Y-Haplogruppe R"},"content":{"rendered":"<p><em>Seit einer Ver\u00f6ffentlichung von Wolfgang Haak im Jahr 2015 gilt die Steppen-Einwanderung als Dogma, obgleich auch aktuelle Studien die Unhaltbarkeit dieser Steppenthese nahelegen, die dennoch weiter als \u201eunbestritten\u201c in Fachpuplikationen gef\u00fchrt wird.<br \/>\nUnbeachtet blieben entsprechend arch\u00e4ologische Studien, die die Herkunft des schnurkeramischen Stils aus dem Baltikum nahelegen, wo dieser schon Ende des 4. Jahrtausends vorzufinden ist. Gest\u00fctzt und erweitert wird die These einer Entstehung in diesem Gebiet durch neue Daten aus Finnland, die schnurkeramische Zusammenh\u00e4nge auf 3100 v. Zw. datieren.  Damit wird deutlich, da\u00df sich die Schnukeramik selbst um 3100 v. Zw. an den K\u00fcstengebieten zwischen Baltikum und Finnland aus einem Trichterbecherkontext herausl\u00f6st und s\u00fcd\u00f6stlich sowie s\u00fcdwestlich ausbreitet. Die baltisch-finnische Herkunft wird arch\u00e4ogenetisch durch fr\u00fche, mehr als 8500 Jahre zur\u00fcckreichende R1a-Funde aus dieser Region belegt, die die Gr\u00e4ber der Kultur sp\u00e4ter dominieren. Im Steppegebiet erscheinen schnurkeramische Kunstelemente dagegen erst seit 2500 v. Zw. innerhalb der Abaschewo-Kultur.<\/em><\/p>\n<p><strong>Irrwege der Forschung zur Y-Haplogruppe R<\/strong><\/p>\n<p>Das Hauptproblem der Steppen-Theorie besteht darin, da\u00df trotz zahlreicher Untersuchungen an Yamnaja-Menschen bis heute weder ein Fund der Y-Haplogruppe R1a noch der Y-Haplo-Untergruppe R1b ausfindig gemacht wurde, der sich in Europa durchsetzte: R1b1a1a2a-L51. Die gefundenen R1b-Typen sind allesamt dem Seitenzweig Z2103 zugeh\u00f6rig, der in einer Sackgasse endete.<br \/>\nAuch j\u00fcngere Studien konnten das Bild nicht \u00e4ndern, sondern erh\u00e4rteten den Verdacht, da\u00df die Steppenthese falsch ist: Ein 5500 Jahre alter R1b(L388)-Fund aus D\u00e4nemark \u2013 der \u00e4lteste des bis heute vorherrschenden europiden Zweiges \u2013 enth\u00e4lt kein offizielles Steppenerbgut, zudem wurden im Yamnaja-Grubengrab-Umfeld mehrere I2-Menschen festgestellt, die offenbar aus Skandinavien stammten und nahelegen, da\u00df es vor 3000 v. Zw.  eine Einwanderung aus Nordeuropa in die Steppengebiete gegeben haben mu\u00df, deren fr\u00fcheste sich wohl gegen 10.000 v. Zw. vollzog.<br \/>\nDies korrespondiert augenscheinlich mit j\u00fcngeren arch\u00e4ologischen Befunden, die eine enge \u00dcbereinstimmung zwischen dem Steinkistengrab von G\u00f6litzsch im Saalekreis und einem 2300 km entfernten Steinkistengrab im Kaukasus festgestellt haben. Aufgrund der Funde eines Kupferringes, einer Streitaxt, einer Feuersteinklinge und einer Amphore, die stilistisch der Schnurkeramik zugeschrieben wurden, hatten die Ausgr\u00e4ber f\u00fcr das G\u00f6hlitzscher Grab eine Entstehung zu Beginn des 3. Jahrtausends angenommen, bis Analysen der Ziermuster und \u00e4hnliche, der Bernburger Kultur zugeh\u00f6rige Gr\u00e4ber, zu einer Neudatierung in das letzte Drittel des 4. Jahrtausends f\u00fchrten. Die Wandsteine des Grabes sind mit roten und schwarzen Motiven verziert, wobei die Darstellung eines Bogens mitsamt K\u00f6cher hervorsticht. Gleiches findet sich auch in dem der Maikop-Kultur zugerechneten Steinkistengrab von Klady, so da\u00df die Ausgr\u00e4ber im Kaukasus von einer Beeinflussung aus Mitteleuropa ausgehen.  <\/p>\n<p><strong>Der R1-L51-Zweig<\/strong><\/p>\n<p>Die sp\u00e4ter in Westeuropa zahlenm\u00e4\u00dfig \u00fcberwiegenden R1b-Menschen entstammen dem L51-Zweig (R1b1a1a2a1). Dieser Haplotyp wurde bis vor kurzem mit der Glockenbecher-Kultur assoziiert. Zwei s\u00fcdlich des Bodensees um 2500 v. Zw. bestattete Menschen der Glockenbecher-Kultur galten als fr\u00fcheste Vertreter.<br \/>\nNun hat eine j\u00fcngste Studie in B\u00f6hmen erstmals Angeh\u00f6rige des R1b-L51-Zweiges ausfindig gemacht, die der Schnurkeramik-Kultur angeh\u00f6rten. Die sechs Funde wurden auf ein Alter von etwa 4900 Jahren datiert. Diese weisen entgegen der \u00fcblicherweise behaupteten \u201e75 % Steppengenetik\u201c eine autosomale genetische Zusammensetzung auf, die sie als Mischung aus einheimischen, vor allem Frauen, einer \u00f6stlichen Komponente und einer solchen aus dem Baltikum ausweist.<br \/>\nZeitgleich wurden auch zwei etwa 5000 Jahre alte R1b-L51-Funde innerhalb der zwischen Altai und Himalaya-Gebirge angesiedelten Afanasievo-Kultur erbracht, die bis zu dem d\u00e4nischen Fund als \u00e4lteste Vertreter dieses Zweiges galten und eine Herkunft weit aus dem Osten scheinbar unterst\u00fctzen. Ebenso wies die autosomale Zusammensetzung der b\u00f6hmischen Funde auf eine \u00f6stliche Herkunft. Eine darauf ausgerichtete Hypothese sieht in der Sredni-Stog-Kultur (4500\u20133500 v. Zw.) einen Ausgangspunkt von R1b-L51, deren Zweige sich von hier nach Afanasievo und Yamnaja ausgebreitet h\u00e4tten. Dies erschien aber bereits deshalb unglaubw\u00fcrdig, da in diesem Fall nicht ersichtlich gewesen w\u00e4re, warum es innerhalb des mittlerweile sehr umfassend untersuchten Steppe-Erbgutes kein R1b-L51 geben sollte. Eine PCA-Modellierung ergab zudem, da\u00df sich das b\u00f6hmische autosomale Profil am besten aus drei Komponenten erkl\u00e4ren l\u00e4\u00dft: Einer einheimischen, haupts\u00e4chlich weiblichen Komponente, einer \u00f6stlichen und einer aus dem Baltikum. Sowohl R1b als auch die f\u00fcr Schnurkeramiker typische Haplogruppe R1a finden sich fr\u00fch im Baltikum, letztere innerhalb von Steppe-Bestattungen dagegen fast \u00fcberhaupt nicht. Um diese Tatsache zu vernebeln, wird neuerdings von einer Waldsteppe gesprochen, aus der R1a-Menschen nach Europa vorgedrungen seien. Zudem berufen sich Genetiker auf die autosomale Zusammensetzung, die bei Schnurkeramikern durchschnittlich 75 % Steppenanteil aufweisen soll. Tats\u00e4chlich handelt es sich dabei um EHG-Anteile, die sich in WHG-, EHG- und SHG-Menschen finden und zu gro\u00dfen Teilen von der Gruppe der Alten Nordeurasier (ANE) abstammen sollen, unzweifelhaft aber mit dem Nordosten Europas verbunden sind.<br \/>\nAuch eine Studie \u00fcber die Kugelamphoren-Kultur, die der Schnurkeramik unmittelbar vorangeht und sich weit s\u00fcd\u00f6stlich ausdehnte, zeigte entgegen aller Erwartungen keinen hohen Anteil sogenannten Steppenerbgutes.  <\/p>\n<p><strong>Entstand R1b in Europa?<\/strong><\/p>\n<p>Und trotz der verbreiteten Auffassung von Wissenschaftlern, die die Haplogruppe R als typisch asiatische Gruppe sehen, k\u00f6nnte R sogar in Europa entstanden sein. Daf\u00fcr spricht etwa das Fehlen typischer asiatischer Physiognomika. Erstmals in Erscheinung tritt die R-Vorl\u00e4ufergruppe P jedenfalls in der bulgarischen Batscho Kiro-H\u00f6hle vor 32.500 Jahren. Der dortige Fund ist \u00e4lter als der bislang \u00e4lteste Fund aus dem russischen Jana und tr\u00e4gt bereits drei Mutationen auf dem Weg von P zu R. Die Jana-Leute und der Junge von Mal\u2018ta w\u00e4ren demnach das Ergebnis einer sehr fr\u00fchen Ostwanderung.<br \/>\nDie heute zahlenm\u00e4\u00dfig st\u00e4rkste Untergruppe von Haplogruppe R, R1b,\u00a0d\u00fcrfte mit noch gr\u00f6\u00dferer Wahrscheinlichkeit in Europa entstanden sein und  l\u00e4\u00dft sich fr\u00fch in Europa nachweisen: ab 12.000 v. Zw. in Italien, ab 10.000 in S\u00fcdfrankreich und ab 9.000 im Balkan und in Lettland \u2013 sie scheint aber zun\u00e4chst noch keine wichtige Rolle gespielt zu haben. Die \u00e4ltesten Funde aus Deutschland sind etwa 5.500 Jahre alt, geh\u00f6ren aber, anders als ein zeitgleicher d\u00e4nischer Fund, zu Zweigen, die sich nicht bis heute fortsetzten. <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/parzifal-versand.de\/product_info.php?products_id=260\">Weitere Einzelheiten finden Sie in dem Buch &#8222;Arch\u00e4ogenetische Irrwege&#8220;<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einer Ver\u00f6ffentlichung von Wolfgang Haak im Jahr 2015 gilt die Steppen-Einwanderung als Dogma, obgleich auch aktuelle Studien die Unhaltbarkeit dieser Steppenthese nahelegen, die dennoch weiter als \u201eunbestritten\u201c in Fachpuplikationen gef\u00fchrt wird. Unbeachtet blieben entsprechend arch\u00e4ologische Studien, die die Herkunft des schnurkeramischen Stils aus dem Baltikum nahelegen, wo dieser schon Ende des 4. 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