{"id":174,"date":"2024-11-21T11:25:50","date_gmt":"2024-11-21T11:25:50","guid":{"rendered":"https:\/\/forsite-verlag.de\/aktuell\/?p=174"},"modified":"2024-11-21T11:25:50","modified_gmt":"2024-11-21T11:25:50","slug":"blonde-haare-in-der-fruehgeschichte-eine-richtigstellung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/forsite-verlag.de\/aktuell\/?p=174","title":{"rendered":"Blonde Haare in der Fr\u00fchgeschichte &#8211; eine Richtigstellung"},"content":{"rendered":"<p>Filme \u00fcber G\u00f6tter und Heroen der Antike erleben seit Jahren eine Renaissance, nicht zuletzt innerhalb der US-amerikanischen Filmindustrie Hollywoods. Auff\u00e4llig ist dabei vor allem die zunehmende \u201egendergerechte\u201c Darstellung der Helden \u2013 immer h\u00e4ufiger finden sich neben zumeist s\u00fcdl\u00e4ndischen Darstellern zunehmend auch dunkelh\u00e4utige Protagonisten. In der Filmreihe \u201eThor\u201c (2011 &#038; 2013)) ist es Heimdall, der von einem schwarzen Schauspieler (Idris Elba) verk\u00f6rpert wird. In der Neuverfilmung des Dauerbrenners \u201eHerkules\u201c von 2014 \u00fcbernahm der afro-kanadisch-samoanische Dwayn \u201eThe Rock\u201c Johnson die Hauptolle.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Filme \u201eKampf der Titanen\u201c (2010) und \u201eZorn der Titanen\u201c (2012) f\u00e4rbte der eigentlich blonde Schauspieler Sam Worthington eigens seine Haare dunkel, um sich \u00e4u\u00dferlich der verk\u00f6rperten Heldenfigur Perseus vermeintlich anzupassen. Der Held Theseus im 2011 ver\u00f6ffentlichten Film \u201eKrieg der G\u00f6tter\u201c wird vom dunkelhaarigen Henry Cavill verk\u00f6rpert. 2004 durften demgegen\u00fcber die ebenfalls in der griechischen Antike verorteten Spielfilme \u201eAlexander der Gro\u00dfe\u201c (2004) und \u201eTroja\u201c mit Colin Farrell (Alexander) und Brad Pitt (Achilles) noch blonde Heroen in den Hauptrollen zeigen \u2013 freilich nicht ohne kritische Stimmen zu provozieren. So sah sich ausgerechnet ein FAZ-Feuilletonist als vermeintlicher Kenner des Stoffes zu der kritischen Anmerkung veranla\u00dft, da\u00df \u201e Achilles mit blonder M\u00e4hne eher aus(s\u00e4he) wie ein Surfer, der an Land gekommen ist, weil die \u00c4g\u00e4iswellen zu k\u00fcmmerlich waren. Mehr Wikinger als Grieche und in seiner Mimik und K\u00f6rpersprache ein Mann von heute&#8230;\u201c<\/p>\n<p><strong>Blonde Haare bei den antiken V\u00f6lkern \u2013 eine historische Tatsache<\/strong><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich aber wurde Achilles von den antiken Chronisten wirklich als blondhaarig beschrieben. Ebenso Alexander der Gro\u00dfe womit \u201eAlexander\u201c-Regisseur Oliver Stone gemeinsam mit seinem Kollegen Wolfgang Petersen (\u201eTroja\u201c) zumindest hier nah am Original lag. Auch viele weitere antike G\u00f6tter und Heroen trugen laut antiker \u00dcberlieferung blondes Haar: Theseus, Perseus, Odysseus, Jason mitsamt seiner 50 Argonauten, Herakles, Zeus, Apollon, Ares und viele weitere.<\/p>\n<p>Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sich der eigentlich f\u00fcr seine historische Geographie bekannte Historiker Wilhelm Sieglin (1855-1935) die M\u00fche gemacht, alle verf\u00fcgbaren antiken Textstellen \u00fcber die Haarfarbe von Protagonisten aus dem Altertum zusammenzustellen und auszuwerten. Dabei kam Sieglin zu dem Schlu\u00df, da\u00df von 747 Personen, G\u00f6ttern und Heroen, die er f\u00fcr die gesamte antike \u00dcberlieferung ausgewertet hatte 586 als blond beschrieben wurden. Auff\u00e4llig auch: Ausschlie\u00dflich alle 18 erw\u00e4hnten Germanen und Gallier wurden als hellhaarig beschrieben, ebenso 17 von 19 Thrakern, 7 von 8 Illyrern und 4 von 6 Skythen. \u201eDie Bewohner der Balkanhalbinsel und des s\u00fcdlichen Ru\u00dflands, die Illyrer, Dalmater, Thraker und Skythen\u201c, so Sieglins Schlu\u00dffolgerung, \u201ewaren im Altertum blond.\u201c<\/p>\n<p>\u00dcberraschen d\u00fcrfte den nicht mir der Geschichte des Indogermanentums vertrauten Leser die Tatsache, da\u00df auch eine nicht unerhebliche Zahl von Indern und Persern blond war. Der Alexander-Sarkophag etwa bildet sowohl Makedonen als auch ihre persischen Gegner mit blonden oder roten Haaren ab. Dies erscheint umso erstaunlicher, als 331 die Zeit der Einwanderung der zumeist blonden Indogermanen bereits mehr als 1000 Jahre zur\u00fccklag. Sieglin ermittelte jeweils 6 von 8 genannten Persern, Parthern und Indern als blond.<\/p>\n<p>Auch aus Nordafrika berichten antike Chronisten vom vermehrten Auftreten heller Haare. Der Autor zitiert etwa den Chronisten Prokop (bellum Vandalis II, 13, 29), der versicherte, von einem einheimischen F\u00fcrsten die Kunde vernommen zu haben, da\u00df s\u00fcdlich des Auresgebirges (im s\u00fcdlichen Algier) eine V\u00f6lkerschaft lebe, \u201edie nicht wie die Maurusier schwarze, sondern ganz wei\u00dfe Haut und blonde Haare habe\u201c. Auch der von Sieglin herangezogene Skylax (peripl. 110\/93 Fabr.) spricht von einem Volke an der Kleinen Syrte, das \u201einsgesamt blond und sehr sch\u00f6n\u201c sein soll, und Kallimachos (hymn. 2, 86) besingt den fr\u00f6hlichen Tanz der Kyren\u00e4er mit \u201eden blonden Libyerinnen\u201c der Umgebung. Diese und die westlich \u00c4gyptens sitzenden Adyrmachidai bringt Sieglin treffend mit den nordischen Seev\u00f6lkern in Verbindung, \u201edie im 13. und 12. Jahrhundert nicht nur \u00c4gypten, sondern auch die Nordk\u00fcste Libyens heimgesucht haben\u201c.<\/p>\n<p><strong>Blondhaarige als Herrenschicht<\/strong><\/p>\n<p>Auch wenn sonstige k\u00f6rperliche Eigenschaften bei der Zusammenstellung meist unber\u00fccksichtigt blieben dr\u00e4ngt sich eine Schlu\u00dffolgerung auf: Die Herren- oder Adelsschicht vieler antiker V\u00f6lker stammte aus dem Norden Europas. Zwar h\u00e4lt auch Sieglin irrt\u00fcmlich die russische Steppe f\u00fcr den Ursprungsraum der Vorfahren der Indogermanen,1 jedoch r\u00e4umt auch er ein, da\u00df die blonde Haarfarbe immer weiter abn\u00e4hme, je weiter man sich vom Norden Europas entferne. Entsprechend bringt er ein erhaltenes Fragment eines gewissen Adamantios, der schrieb: \u201eEs ist schwer, eine genaue Charakteristik der einzelnen V\u00f6lker zu geben, da viele Mi\u00adschungen vorliegen; z. B. gibt es Syrer in Italien, Libyer in Thrakien und andere in anderen L\u00e4ndern. F\u00fcr gew\u00f6hnlich sind die Nordl\u00e4nder hochgewachsen, blond, hellh\u00e4utig, haben glatte Haare und blaue Augen. \u2014 Die S\u00fcdl\u00e4nder dagegen haben schwarze, krause Haare und schwarze Augen.\u201c<\/p>\n<p>Sowohl in Griechenland als auch in Italien erkennt Sieglin eine urspr\u00fcngliche helle Herrenschicht:<\/p>\n<p>\u201eIn Hellas war die Herrenklasse also blond. Als die Hellenen um die Wende des 3. und 2. Jahrtausends in das nach ihnen benannte Land eindrangen, trafen sie eine dunkelhaarige Urbev\u00f6lkerung an, die, nach den zahlreichen gemeinsamen Orts-, Flu\u00df- und Bergnamen zu schlie\u00dfen, der westkleinasiatischen, insbesondere der karischen nah verwandt war.\u201c<\/p>\n<p>In Italien machten sich die blonden Eroberer nach Sieglin zu den Herren dort wohnender Ligurer. Im fr\u00fchen Rom dominierten Blonde die Adelsschicht, eine gro\u00dfe Zahl von r\u00f6mischen Familien trug Beinamen wie Flavii, Flaviani, Rufi, Rutilii und \u00e4hnliche, die alle auf das helle Haar ihrer Tr\u00e4ger verwiesen. \u201eAber weil seit dem Jahr 445 Ehen zwischen Patriziern und Ple\u00adbejern gesetzlich gestattet waren\u201c, so das Fazit Sieglins, \u201efingen damals schon Blonde und Nichtblonde an, sich zu vermischen. Kinder aus solchen Verbindungen begannen dunkelhaarig zu werden. Da diese Eigenschaft aber seit alters als das untr\u00fcgliche Zeichen minderwertiger Geburt galt, finden wir schon in der Zeit des alten Cato r\u00f6mische Frauen, denen der Schmuck aristokratischer Haare versagt war, bem\u00fcht, dem Fehler durch k\u00fcnstliche Mittel abzuhelfen. &#8230; Um vornehm zu erscheinen, mu\u00dfte man eben blond sein, und dies Gesetz galt als so selbstverst\u00e4ndlich, da\u00df Dichter wie Ovid, Horaz, die selbst dunkelhaarig waren, den Heroen und Heroinnen, die sie schil\u00adderten, fast ausnahmslos blonde Haare zuschrieben, selbst Barbarinnen wie Dido, Kirke, Andromeda, weil sie k\u00f6niglichen Stammes. Der Wunsch, blond zu sein, war besonders gestiegen, als die seit der Mitte des 2. Jahrhunderts (gleich nach Cato) einsetzende Ver\u00f6dung Italiens und die gleichzeitig ins Ungeheure gesteigerte Einfuhr von Sklaven der verschiedensten Nationalit\u00e4t das Mi\u00dfverh\u00e4ltnis in der Zahl der hell- und dunkelfarbigen gewaltig hatte anwachsen lassen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie neue Bl\u00fcte\u201c, so ein r\u00f6mischer Chronist nach dem Sieg gegen die Goten im 5. Jahrhundert, \u201esoll sich \u00e4u\u00dferlich darin zeigen, da\u00df Rom wieder blond wird.\u201c<\/p>\n<p>Allerdings, so Sieglin weiter, hatte \u201edie Gr\u00f6\u00dfe Roms mit den Haaren seiner B\u00fcrger nichts zu tun, sowenig wie heutzutage ein schwarzhaariger Deutscher ein weniger echter Germane zu sein braucht als ein blonder. Dennoch steckt in dem Wort etwas Wahres. Die Hoffnung der Patrioten auf einen neuen Aufstieg Roms war freilich tr\u00fcgerisch. Echte R\u00f6mer, die ihn h\u00e4tten herbeif\u00fchren k\u00f6nnen, gab es schon lange nur noch in geringer Zahl. Das Geb\u00e4ude, das einst mit bewundernswerter Kraft errichtet worden, war seiner Fundamente beraubt. Da\u00df es dabei keine Blonden mehr gab, war nur ein \u00e4u\u00dferes Zeichen f\u00fcr den Verfall. &#8230; Das Volk, das einst imstande gewesen, die punischen Kriege zu f\u00fchren und die f\u00fcrchter\u00adliche Katastrophe von Cannae in beispiellosem Heldentum zu \u00fcber\u00adwinden, war nicht mehr da.\u201c<\/p>\n<p>Damit wird deutlich: Die Bl\u00fctezeit war verbunden mit blonden Haaren und wurde in der Antike durch Germanen verk\u00f6rpert, obgleich es auch damals schon eine gewisse Anzahl dunkelhaariger Germanen gegeben haben mu\u00df.<\/p>\n<p><strong>Woher stammen die blonden Haare urspr\u00fcnglich?<\/strong><\/p>\n<p>Die Genetik verf\u00fcgt heute \u00fcber M\u00f6glichkeiten, die Farbe der Haut der Haare und der Augen lange verstorbener Menschen anhand von festgestellten Genen zu eruieren. Das fr\u00fcheste Auftreten der blonden Haare wurde f\u00fcr eine vor etwa 16.700 Jahren verstorbene Frau nachgewiesen. Die 2014 beim russischen Afontova Gora entdeckte Tote wies demnach ein rs12821256-Allel auf, das bei Europ\u00e4ern \u2013 neben zwei weiteren Genen \u2013 f\u00fcr blonde Haare verantwortlich zeichnet. Die von der Mehrheit der Genetiker gezogene Schlu\u00dffolgerung, derzufolge sich die blonden Haare aus der russischen Steppe nach Europa ausbreiteten, ist dennoch falsch. Denn biologisch, das ist mittlerweile wissenschaflich unumstritten, kann die Hellf\u00e4rbung der Haare gemeinsam mit der Depigmentation der Haut nur dort entstehen, wo es an Sonneneinstrahlung mangelt.Wenn es in einem solchen Gebiet zus\u00e4tzlich nicht zu kalt ist, bilden sich auch helle, also blaue Augen aus. Ein solches Gebiet ist vornehmlich im Norden Europas zu suchen, wo die Kombination eines gem\u00e4\u00dfigten Gebietes mit wenig Sonne vorzufinden ist. Vor etwa 18.000 Jahren bildete sich nach dem Eisr\u00fcckgang zudem ein Gebiet, in dem Menschen abgeschlossen von \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcssen \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum die beschriebenen K\u00f6rpermerkmale ausbildeten: Das Doggerland. Und tats\u00e4chlich finden sich im Norden Europas auch die ersten Menschen, die helle Haut, blonde Haare und blaue Augen vereinigten: Bei f\u00fcnf Individuen aus der Zeit um 6000 v. Chr., die im schwedischen Motala entdeckt wurden, konnte die Kombination dieser k\u00f6rperlichen Merkmale erstmals nachgewiesen werden.2 Neuere Forschungen sprechen daher daf\u00fcr, da\u00df schon fr\u00fch Menschen, die diese Merkmale aufwiesen, in andere Teile der Welt aufbrachen und dort f\u00fcr eine weitere Verbreitung dieser Eigenschaften sorgten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/parzifal-versand.de\/product_info.php?products_id=176\">Wilhelm Sieglin: Die blonden Haare der Indogermanischen V\u00f6lker des Altertums. Nachdruck Forsite-Verlag 2020<\/a><\/p>\n<p>________________________________<\/p>\n<p>1 Sieglin folgt hier einer Anregung des Geographen Friedrich Ratzel (1844-1904), der in S\u00fcdru\u00dfland f\u00fcr die Eiszeit ein vom Schwarzen Meer und Eismassen umschlossenes Isolat ausgemacht haben wollte, das Sieglin f\u00fcr die Herausbildung der nordischen Rassemerkmale in Anspruch nimmt. Allerdings erwies sich dieses Isolat f\u00fcr die in Betracht kommende Zeit nach 40.000 v. Chr. als nicht existent.<\/p>\n<p>2Genetisch werden die Menschen von Motala, deren m\u00e4nnliche Haplogruppe als I2 identifiziert wurde, als Scandinavian Hunter-Gatherer (SHG) bezeichnet. Sie sollen eine Mischung aus Eastern-hunter-Gatherer (EHGs) und Western-Hunter-Gatherers (WHG) darstellen. Erstere wiesen zumeist elle Haut und braune Augen, letztere oft dunklere Haut mit blauen \u00c1ugen auf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Filme \u00fcber G\u00f6tter und Heroen der Antike erleben seit Jahren eine Renaissance, nicht zuletzt innerhalb der US-amerikanischen Filmindustrie Hollywoods. Auff\u00e4llig ist dabei vor allem die zunehmende \u201egendergerechte\u201c Darstellung der Helden \u2013 immer h\u00e4ufiger finden sich neben zumeist s\u00fcdl\u00e4ndischen Darstellern zunehmend auch dunkelh\u00e4utige Protagonisten. 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