{"id":330,"date":"2026-03-09T18:07:23","date_gmt":"2026-03-09T18:07:23","guid":{"rendered":"https:\/\/forsite-verlag.de\/aktuell\/?p=330"},"modified":"2026-03-09T18:07:23","modified_gmt":"2026-03-09T18:07:23","slug":"stammen-die-fruehesten-schriftzeichen-aus-nordeuropa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/forsite-verlag.de\/aktuell\/?p=330","title":{"rendered":"Stammen die fr\u00fchesten Schriftzeichen aus Nordeuropa?"},"content":{"rendered":"<p>Die Meldung klingt sensationell: Vor rund 40.000 Jahren sollen unsere altsteinzeitlichen Vorfahren Zeichen in Werkzeuge und Skulpturen geritzt haben, die als fr\u00fcheste Belege f\u00fcr eine Proto-Schrift gelten k\u00f6nnen.  Dieser \u00dcberzeugung sind jedenfalls der Sprachforscher Christian Bentz von der Universit\u00e4t des Saarlandes und die Arch\u00e4ologin Ewa Dutkiewicz vom Museum f\u00fcr Vor- und Fr\u00fchgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin, die \u00fcber 3.000 Zeichen auf 260 Objekten mit Computermethoden analysierten. Ihr Ergebnis: Die untersuchten Zeichenabfolgen  \u2013 Linien, Kerben, Punkte oder Kreuze, die sich oft wiederholen \u2013 weisen die gleiche Komplexit\u00e4t und Informationsdichte auf wie die fr\u00fcheste Proto-Keilschrift um 3.000 vor Christus \u2013 zehntausende Jahre sp\u00e4ter.<br \/>\nF\u00fcr denjenigen, der sich n\u00e4her mit der europ\u00e4ischen Fr\u00fchgeschichte befa\u00dft hat, kommt diese Erkenntnis allerdings nicht ganz so \u00fcberraschend, liegt doch bislang bereits eine Reihe von Funden vor, die auf eine lange zur\u00fcckreichende Geschichte der Schrift in Europa hindeuten.   <\/p>\n<p>As die Hobbyarch\u00e4ologen Manfred Moosauer und Traudl Bachmaier im Jahre 1998 am Fu\u00dfe der Alpen nach alten Artefakten st\u00f6berten,stie\u00dfen sie auf etwas, das die arch\u00e4ologische Welt in Staunen versetzte. Hier, in der einstigen Bronzezeit-Siedlung Bernstorf, wurden Goldartefakte, Bronzegegenst\u00e4nde und Bernsteinschmuck ausgegraben. Doch nicht nur das: Zwei gravierte Bernsteinst\u00fccke trugen mykenische Linear-B-Inschriften.<br \/>\nBernstorf, so die Schlu\u00dffolgerung der Arch\u00e4ologen, mu\u00df auf einer der sogenannten Bernsteinstra\u00dfen gelegen haben, die von der Nordsee in das Mittelmeergebiet f\u00fchrten. \u00dcber diese Routen gelangte britisches Zinn und nordischer Bernstein bis in den Mittelmeerraum, und umgekehrt fanden Goldschmuck, Glasperlen und Bronzeartefakte aus dem Mittelmeerraum ihren Weg nach Britannien und J\u00fctland. Innerhalb des norddeutschen Wattenmeeres wurden im Laufe der Jahre zahlreiche Artefakte geborgen, die aus Mykene zu stammen schienen und einen intensiven Handel auch per Schiff nahelegen. <\/p>\n<p>Die Linear-B Inschriften aus Bernstorf beweisen, da\u00df Schriftzeichen in der Bronzezeit auch n\u00f6rdlich der Alpen bekannt waren. Und dieser Fund war kein Einzelfall: 1987 wurde an einer lokalen Kultst\u00e4tte nahe eines Bauernhauses im norwegischen Kongsberg eine in einen Stein gravierte Inschrift neben Schalenabdr\u00fccken gefunden. Untersuchungen ergaben, da\u00df es sich um von Minoern genutzte Linear-A-Schriftzeichen handelte, die gegen 1800 v. Zw. eingraviert wurden. Dies k\u00f6nnte entweder ein Beleg f\u00fcr minoische Besucher im Norden Europas sein oder f\u00fcr weitreichende Kontakte nordischer F\u00fcrsten, die mit der Linear-A-Schrift vertraut waren. <\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich existiert hier eine Reihe von Belegen f\u00fcr Schriftsymbole und -Zeichen, die bis in die Altsteinzeit zur\u00fcckreichen: Im s\u00fcdfranz\u00f6sischen Chauvet oder in der Les-Trois-Fr\u00e8res H\u00f6hle in den Pyren\u00e4en wurden aus der j\u00fcngeren Altsteinzeit stammende Zeichen entdeckt, die als fr\u00fche Symbolzeichen identifziert wurden.<br \/>\nSp\u00e4testens mit dem Neolithikum ist in Nordeuropa ein Schriftzeichensystem  nachgewiesen, das seit 3300 v. Zw. auf Tontrommeln (Bild oben), Prunkbeilen und Ger\u00e4ten der Salzm\u00fcnder Kultur erscheint  und \u00c4hnlichkeiten mit Schriftzeichen der Vinca-Kultur (5500 &#8211; 4000 v. Zw.) aufweist.<br \/>\nAuch in der bronzezeitlichen Aunjetitzer Kultur erscheinen an donaul\u00e4ndische Schriftzeichen (\u201eTurdas-Zeichen\u201c) erinnernde sogenannte \u201eSichelmarken\u201c, die als Vorl\u00e4ufer der Runenschrift angesehen werden k\u00f6nnten.<br \/>\nDiese bis zur Salzm\u00fcnder Kultur zur\u00fcckreichenden \u201evorrunischen Zeichen\u201c haben sich bis in die Bronzezeit erhalten, wo sie auf den Felsplatten Bohusl\u00e4ns und \u00d6sterg\u00f6tlands ihre Entsprechung besitzen, wie Franz Altheim festhielt.<br \/>\nObgleich Vorformen im Orient belegt sind, ist die \u00dcbersteinstimmung zwischen dieser vorrunischen Schrift und der sp\u00e4teren ph\u00f6nizischen Schrift zu frappierend, um nicht an eine Vermittlung von Nord nach S\u00fcd im Zuge des Seev\u00f6lkersturmes zu denken.<\/p>\n<p>Was bedeutet nun die j\u00fcngste Neuauswertung von  Zeichen, die offensichtlich Informationen bergen, f\u00fcr die Geschichte der Schrift?<br \/>\nViele Wissenschaftler haben sich bereits skeptisch zu den j\u00fcngsten Erkenntnissen der Forscher Christian Bentz  und Ewa Dutkiewicz ge\u00e4u\u00dfert. Die Schlu\u00dffolgerungen der Wissenschaftler seien \u00e4u\u00dferst spekulativ und bei den Zeichen w\u00fcrde es sich ja gar nicht um eine Schrift handeln. Diese Kritik ist zwar nachvollziehbar, jedoch \u00fcbersieht sie die Komplexit\u00e4t der Entwicklung einer Schrift: <em>&#8222;Die Menschen der Steinzeit brachten solche Zeichen gezielt auf bestimmten Artefakten an\u201c, <a href=\"https:\/\/www.archaeologie-online.de\/nachrichten\/zeichen-auf-steinzeit-funden-vorlaeufer-der-schrift-ist-ueber-40-000-jahre-alt-6550\/\" target=\"_blank\">wie  Professor Christian Bentz von der Universit\u00e4t des Saarlandes erl\u00e4utert<\/a>. \u201eDie Zeichen tragen Informationen, halten ihre Gedankenwelt fest&#8230; Wir kommen mit unserer Forschung dem statistischen Fingerabdruck der Zeichensysteme auf die Spur. Die steinzeitlichen Zeichensequenzen sind eine fr\u00fche Alternative zur Schrift.\u201c <\/em><br \/>\nDie akademische Gegenwehr scheint vor allem auch ideologisch begr\u00fcndet: Europa, vor allem das Gebiet n\u00f6rdlich der Alpen, darf in der Vorstellung vieler heutiger Wissenschaftler, die die Vorstellung der politischen Korrektheit wie die Muttermilch in sich aufgesogen haben, nicht als kulturell fortschrittlich gelten. Denn das k\u00f6nnte ja dazu f\u00fchren, da\u00df die Europ\u00e4er mit Stolz auf ihre Vorfahren blicken k\u00f6nnten.<br \/>\nDoch wenn man sich vor Augen f\u00fchrt, da\u00df sich in Europa zum einen altsteinzeitliche Schriftzeichen finden, die offenbar eine Bedeutung bergen, zum anderen die fr\u00fchesten Alphabet-\u00e4hnlichen Schriftsysteme innerhalb der Vinca-Kultur erscheinen und auch von megalithischen Kulturen Nordeuropas verwendet wurden, liegt die Schlu\u00dffolgerung nahe, da\u00df Europa der Ursprungsraum der Schrift ist. <\/p>\n<p>Buchempfehlungen:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/parzifal-versand.de\/product_info.php?products_id=260\" target=\"_blank\">Arch\u00e4ogenetische Irrwege<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/parzifal-versand.de\/product_info.php?products_id=199\" target=\"_blank\">Hyperborea &#8211; der Mensch aus dem Norden in der Fr\u00fchgeschichte <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Meldung klingt sensationell: Vor rund 40.000 Jahren sollen unsere altsteinzeitlichen Vorfahren Zeichen in Werkzeuge und Skulpturen geritzt haben, die als fr\u00fcheste Belege f\u00fcr eine Proto-Schrift gelten k\u00f6nnen. 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