{"id":353,"date":"2026-07-02T08:45:41","date_gmt":"2026-07-02T08:45:41","guid":{"rendered":"https:\/\/forsite-verlag.de\/aktuell\/?p=353"},"modified":"2026-07-02T08:45:41","modified_gmt":"2026-07-02T08:45:41","slug":"herzog-widukind-freiheitskaempfer-gegen-koenig-karl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/forsite-verlag.de\/aktuell\/?p=353","title":{"rendered":"Herzog Widukind &#8211; Freiheitsk\u00e4mpfer gegen K\u00f6nig Karl"},"content":{"rendered":"<p>Vor 1220 Jahren starb der \u00dcberlieferung nach der heute fast in Vergessenheit geratene Sachsen-Herzog Widukind. Einst stand er dem alles \u00fcberragenden Cherusker-F\u00fcrsten Arminius in h\u00f6chster Verehrung innerhalb des deutschen Volkes kaum nach. \u201eWie vor ihm Armin, der Cherusker, steigt er am geschichtlichen Horizont seiner Zeit wie ein Stern auf, zieht seine Bahn, rei\u00dft ein Volk mit sich, erhebt sich aus jeder Niederlage neu, um schlie\u00dflich nach zw\u00f6lf Jahren wieder in das Dunkel einzugehen\u201c, res\u00fcmiert Werner Georg Haverbeck 1985.<br \/>\n\u201eEinen gro\u00dfen Vork\u00e4mpfer des Germanentums\u201c, nennt ihn Joseph Otto Pla\u00dfmann 1939, \u201eder nach 800 Jahren den Freiheitskampf des Arminius erneuerte, der aber, weniger gl\u00fccklich als jener, an der ver\u00e4nderten Zeit und daran scheiterte, da\u00df es germanische Waffen waren, gegen die er zu k\u00e4mpfen hatte. Da\u00df er trotz des ung\u00fcnstigen Ausganges seines Kampfes in seinem Wesen als germanischer Freiheitsk\u00e4mpfer begriffen wurde und als solcher in die volkhafte Sage \u00fcberging, das zeigt, da\u00df dies Volk sich mit seinem Kampfe einig f\u00fchlte; da\u00df es zwar mit dem Ausgange sich abfand, aber das Wollen unver\u00e4ndert teilte, das den gro\u00dfen F\u00fchrer jahrzehntelang zum Widerstand getrieben hat.\u201c<br \/>\n\u201eEin Held voll k\u00fchnen Muthes und gewaltiger Thatkraft,\u201c so beschreibt ihn der  Historiker Josef Dettmer 1879, \u201eun\u00adbeugsam und z\u00e4h, wie die Eiche in Westfalens W\u00e4ldern, die Seele seines Volkes im Kampfe f\u00fcr die Freiheit, oft besiegt und doch nie \u00fcberwunden, nie gebeugt, nur dem sanftem Joch des Christen\u00adthums sich endlich beugend \u2014 das ist der Sachsenf\u00fchrer Widukind. Aus dem Dunkel grauer Vorzeit ragt seine Helden\u00adgestalt zu uns her\u00fcber, von Sagen mannigfach umwoben. 1100 Jahre sind dahin gegangen, seit er im alten Sachsenlande gelebt und gek\u00e4mpft f\u00fcr seine und seines Volkes Freiheit, f\u00fcr Heerd und Altar. Aber noch lebt sein Andenken im Volke; noch wird sein Name neben dem des Cheruskerf\u00fcrsten Armin mit Stolz genannt. Wie dieser, so wird auch Widekind heute noch als Nationalheld gefeiert und gilt \u201af\u00fcr den ganz eigentlichen Repr\u00e4sentanten West\u00adfalens\u2018. Sein Bild schm\u00fcckt darum auch neben dem Armins das Portal des St\u00e4ndehauses in Westfalens Hauptstadt.\u201c<br \/>\nNoch 1653 hatte Matth\u00e4us Merian den Sachsenf\u00fcrst in seiner \u201eTopographia Saxoniae Inferioris\u201c zum \u201eWitekind M(agnus)\u201c ernannt und so gleichwertig Karl dem Gro\u00dfen ge\u00adgen\u00fcbergestellt.<br \/>\n\u00dcberlebt haben bis heute weder das St\u00e4ndehaus, noch das dortige Bild Widukinds, ebensowenig die imposante Widukind-Statue in Enger. Da\u00df Widukind \u00fcberhaupt zum Volkshelden aufstieg, war nicht selbstverst\u00e4ndlich, denn \u201ewas uns die Geschichte von ihm als glaubw\u00fcrdig \u00fcber\u00adliefert hat,\u201c so Dettmers Fazit, \u201eist wenig. Das Meiste geh\u00f6rt in das Gebiet der Sage oder doch jener Nachrichten, deren Glaubw\u00fcrdigkeit weniger verb\u00fcrgt ist. Widukind teilt hierin das Schicksal anderer Helden. Und wenn man es unternimmt, seine Heldengestalt von dem Dunkel zu befreien, so ergeht es einem \u00e4hnlich, wie einst dem gro\u00dfen Carl: man kann dem Widukind nicht recht ankommen. Die Feldz\u00fcge mit der Feder gegen ihn haben noch weniger durchschlagenden Erfolg, als einst Carls Feldz\u00fcge mit dem Schwerte.\u201c<br \/>\nWidukind, auch Wittekind, Weking oder Wiek genannt, entstammte einem westf\u00e4lischen Adelsgeschlecht und f\u00fchrte von  777 bis 785 als dux Saxonum, also als Herzog der Sachsen, den Widerstand gegen Karl den Gro\u00dfen in den Sachsenkriegen (772 \u2013 804).<br \/>\nIm Jahre 777 wurde sein Name anl\u00e4\u00dflich des Reichstags von Paderborn erstmals erw\u00e4hnt. Den christlichen Chronisten zufolge soll sich Widukind im Jahre 785 mit Karl auf einen Frieden geeinigt haben, der mit einer Taufe des Sachsen in der K\u00f6nigspfalz<br \/>\nAttigny besiegelt worden sei. Diese Behauptung wird jedoch von vielen Forschern hinterfragt, die dies als ein St\u00fcck kirchlicher Propaganda einstufen, zumal seit diesem Zeitpunkt gesicherte Informationen \u00fcber Widukinds weiteres Schicksal fehlen. W\u00e4re er wirklich konvertiert, so die Kritiker, h\u00e4tten sich vermutlich nicht nur Sagen, sondern auch Quellenberichte \u00fcber das Wirken des christlichen Widukinds erhalten.<br \/>\nUngeachtet der historischen Wahrheit wurde seine Gestalt im Laufe der Jahrhunderte ins Mythische versetzt und teilweise kultisch verehrt. Innerhalb des 3. Reiches wurde Widukind zum Objekt widerstreitender Sichtweisen, welche die Debatte um seine Person bis heute pr\u00e4gen: Auf der einen Seite stand die v\u00f6lkische Bewegung, die Widukind als Freiheitshelden des deutschen Volkes begriff, der dem \u201eR\u00f6mling\u201c und \u201eSachsenschl\u00e4chter\u201c Karl widerstand. Auf der anderen Seite entwickelte sich eine zunehmend vom damaligen Reichskanzler gest\u00fctzte staatliche Linie, die Karls Rolle als Reichseiniger hervorhob und Widukind als Anf\u00fchrer der s\u00e4chsischen Sturk\u00f6pfe deutete. Den v\u00f6lkischen Widukind-Anh\u00e4ngern kam lange zugute, da\u00df die Karls-Verehrung auch in Frankreich, dem Erbfeind Deutschlands, seit dem 19. Jahrhundert in h\u00f6chster Bl\u00fcte stand. Der franz\u00f6sische K\u00f6nig Ludwig XIV. berief sich in seinem imperialen Streben auf Kosten des Deutschen Reiches ebenso auf Karl den Gro\u00dfen wie sp\u00e4ter Napoleon Bonaparte.<br \/>\nSp\u00e4testens mit dem Triumph Deutschlands \u00fcber den westlichen Nachbarn im Jahr 1940 galt es, einen gemeinsamen Ankn\u00fcpfungspunkt in der Ahnenverehrung hervorzuheben. Karl der Gro\u00dfe, nach dem auch eine franz\u00f6sische Waffen-SS-Division benannt wurde, eignete sich daf\u00fcr optimal, vor allem angesichts der Pl\u00e4ne, das Heilige R\u00f6mische Reich, als dessen eigentlicher Gr\u00fcnder Karl gilt, unter nationalsozialistischer F\u00fchrung neu zu beleben.<br \/>\nHeute \u00fcberwiegt in der Betrachtung die Rolle Karls als \u201eVater Europas\u201c, der wichtige Impulse zur kulturellen Entwicklung des lateinischen Westens gef\u00f6rdert habe, darunter die Wiederentdeckung der antiken Grammatiker und Rhetoriker, die Erneuerung der Klosterkultur, die F\u00f6rderung des Schulwesens und eine Schrift- sowie Kalenderreform.<br \/>\nUnd was wurde aus Widukind? Im Niedersachsen-Lied hat sein Name bis heute \u00fcberdauert. Ihre dritte Strophe lautet:<\/p>\n<p>Auf bl\u00fchend roter Heide<br \/>\nStarben einst vieltausend Mann<br \/>\nF\u00fcr Niedersachsens Treue<br \/>\nTraf sie des Franken Bann.<br \/>\nViel tausend Br\u00fcder fielen<br \/>\nVon des Henkers Hand.<br \/>\nViele tausend Br\u00fcder<br \/>\nF\u00fcr ihr Niedersachsenland.<br \/>\nDas war\u2019n die Niedersachsen,<br \/>\nSturmfest und erdverwachsen,<br \/>\nHeil Herzog Widukinds Stamm!<br \/>\nDas war\u2019n die Niedersachsen,<br \/>\nSturmfest und erdverwachsen,<br \/>\nHeil Herzog Widukinds Stamm!<\/p>\n<p>Und auch wenn viele Statuen verschwanden, ist zumindest das 1938 errichtete Widukind-Museum seit dem Jahr 2006 wieder existent. Neben den Sachsenkriegen befa\u00dft sich das Museum schwerpunktm\u00e4\u00dfig mit dem Wandel des Umgangs mit der Widukind-Gestalt und dessen Interpretation  im Laufe der Zeit.<br \/>\nEin weiterer Schwerpunkt liegt auf der Frage, ob Widukind in der Stiftskirche Enger begraben liegt \u2013 denn eines von drei, bei Umbauma\u00dfnahmen freigelegten Skeletten aus dem Chor der Stiftskirche, steht im Verdacht, mit Widukind identisch zu sein: Grabfund Nr. 463, ein etwa 60 Jahre alter, 1,82 m gro\u00dfer und kr\u00e4ftiger Mann mit markantem Kinn und schmalem Sch\u00e4del. Flankiert wurde das Grab links von Grablege Nr. 447, einem etwa 16-j\u00e4hrigen, nur 1,66 m messenden Jugendlichen, und rechts von Grab Nr. 462, einem ebenfalls 60-j\u00e4hrigen, 1,82 m gro\u00dfen und kr\u00e4ftigem Mann, der \u00fcber ein \u201ekantiges Kinn\u201c und einen regelrechten \u201eQuadratsch\u00e4del\u201c verf\u00fcgt haben soll.<br \/>\nIm Museum sind die Gr\u00e4ber nachgebildet worden. W\u00e4hrend eine erste, 1997 durchgef\u00fchrte Untersuchung nur entfernte verwandtschaftliche Beziehungen feststellen konnte, revidierte eine Nachuntersuchung das Bild: Demnach besa\u00dfen die beiden \u00e4lteren M\u00e4nner  einen gemeinsamen Vater aber unterschiedliche M\u00fctter.<br \/>\nBest\u00e4tigt wurde dagegen eine schon 1997 vermutete Verwandtschaft zwischen dem Mann aus Grab 462 und dem Jugendlichen aus Grab 447, der sich als dessen Sohn entpuppte. J\u00fcngst wurde vom Widukind-Museum Enger eine weitere Untersuchung in Auftrag gegeben, eine  14c- und Isotopen-Analyse, die Aufschlu\u00df dar\u00fcber geben soll, in welchem Jahr die M\u00e4nner verstorben sind.<br \/>\nUngew\u00f6hnlich war jedoch die Einbettung der Skelette in ausgeh\u00f6hlte Baumst\u00e4mme, die an vorchristliche Baums\u00e4rge erinnern, wie sie seit der Bronzezeit vor allem in Norddeutschland Verwendung fanden. Diese Sitte wurde bis in das fr\u00fche Mittelalter beibehalten, etwa im fr\u00e4nkisch-alamannischen Gr\u00e4berfeld von Oberflacht bei Tuttlingen (Baden-W\u00fcrttemberg) aus dem 6. Jahrhundert. Sollte sich erh\u00e4rten, da\u00df einer der hier in der Kirche Bestatteten wirklich Widukind ist, so k\u00f6nnte das daf\u00fcr sprechen, da\u00df sich der Sachsen-Herzog wirklich hat taufen lassen, denn einem Heiden w\u00e4re diese Ehrenbestattung wohl nicht zuteil geworden. Dem kann allerdings entgegengehalten werden, da\u00df die von Karl erlassene Sachsenordnung \u201eCapitulatio de partibus Saxoniae\u201d ausdr\u00fccklich vorschreibt:<br \/>\n\u201eWir befehlen, da\u00df die Leichen der christlichen Sachsen zu den Friedh\u00f6fen der Kirche gebracht wer\u00adden sollen und nicht zu den Grabh\u00fcgeln der Heiden. \u201d<br \/>\nBeinhaltet das auch eine Beisetzung innerhalb einer Kirche? Egal wie die Antwort ausf\u00e4llt, d\u00fcrfte diese wohl die Diskussion um den Wahrheitsgehalt der oft hinterfragten fr\u00e4nkischen \u00dcberlieferung von der Taufe Widukinds ebensowenig beenden, wie die Kontroverse um die Sichtweise auf den Sachsenherzog und den Franken-K\u00f6nig Karl.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/parzifal-versand.de\/product_info.php?products_id=374\" target=\"_blank\">Buch ansehen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 1220 Jahren starb der \u00dcberlieferung nach der heute fast in Vergessenheit geratene Sachsen-Herzog Widukind. 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