{"id":70,"date":"2023-06-12T21:34:08","date_gmt":"2023-06-12T21:34:08","guid":{"rendered":"https:\/\/forsite-verlag.de\/aktuell\/?p=70"},"modified":"2023-06-13T09:26:45","modified_gmt":"2023-06-13T09:26:45","slug":"im-streit-um-die-externsteine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/forsite-verlag.de\/aktuell\/?p=70","title":{"rendered":"Im Streit um die Externsteine"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend in \u00e4ltester \u00dcberlieferung nie ein Zweifel an der vorchristlichen Existenz eines Heiligtums an den Externsteinen bestanden hat,1 suchte die christliche Kirche im Laufe der Zeit das Gegenteil zu erweisen \u2014 n\u00e4mlich die Schaffung der Anlage erst um das Jahr 1110. Zu dieser Zeit sollen christliche M\u00f6nche des Klosters Abdinghof nach Erwerb der Externsteine im Jahre 1108 die gesamte Anlage bis 1115, dem als Inschrift genannten Jahr der Einweihung der hier befindlichen Kapelle, erschaffen haben.<\/p>\n<p>Mit Beginn des 20. Jahrhunderts erwachte in Deutschland ein neues Interesse an der Untersuchung der Externsteine, die untrennbar mit dem Namen Wilhelm Teudt verbunden ist. Dieser stellte die Externsteine in das Zentrum seines mit dem 1929 erschienenen Buch \u201eGermanische Heiligt\u00fcmer\u201c erbrachten Nachweises germanischer Astronomie und Religionsaus\u00fcbung. Wie zu erwarten, war das Buch und auch Teudt selbst, schwersten Angriffen vor allem von Seiten der Kirche ausgesetzt, die das Ende einer liebgewonnenen Legende f\u00fcrchteten.<br \/>\nDie Externsteinforschung der 1930er Jahre war also steter Zank-<br \/>\napfel und Arena des Kampfes, der auch mit Unterst\u00fctzung der nationalsozialistischen Regierung seit 1933 gef\u00fchrt wurde. Teudt und andere Forscher begannen ihre Arbeiten jedoch lange vor der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten. Mit dem Einsetzen der nationalsozialistischen Macht er\u00f6ffnete sich nun allerdings die M\u00f6glichkeit, eigene Thesen wissenschaftlich zu untermauern. 1934\/35 wurde die gr\u00f6\u00dfte wissenschaftliche Untersuchung der Externsteine durch Professor Julius Andr\u00e9e der Universit\u00e4t M\u00fcnster im Auftrage der Lippischen Landesregierung durchgef\u00fchrt, die sowohl die erstmalige Vermessung der gesamten Anlage sowie eine genaue Untersuchung und verschiedene Grabungen beinhaltete. Aufgrund dieser Untersuchung sahen sich Teudt und andere Externstein\u2013Forscher in ihrem Glauben best\u00e4rkt, in den Externsteinen den Kern einer fr\u00fchgermanischen Kultst\u00e4tte erblicken zu d\u00fcrfen. Wissenschaftlich zweifelsfrei lie\u00df sich jedoch anhand der Untersuchung lediglich die vorchristliche Nutzung der Externsteine als Kultort nachweisen, wann genau die Externsteinanlage erstmalig bearbeitet wurde, blieb ebenso im Dunkeln wie der Nachweis der genauen astronomischen Bestimmung der Externsteine.<\/p>\n<p>Dennoch gibt sich die Riege der \u201eLizenzhistoriker und &#8211; arch\u00e4ologen\u201c noch nicht geschlagen und wird auch in Zukunft von lieb gewonnenen Ansichten nicht ohne weiteres abr\u00fccken: Auf eine Anregung Professor Schlossers, der in pers\u00f6nlichen Schreiben an verschiedene arch\u00e4ologische und Fr\u00fchgeschichts-Institute zu neuen Forschungsans\u00e4tzen anregte, bekam er \u00fcbereinstimmend zur Antwort, da\u00df man \u201ekaum Spielraum f\u00fcr neue Ma\u00dfnahmen und Forschungsans\u00e4tze an den Externsteinen sehe\u201c.12 Trotz der F\u00fclle an Indizien f\u00fcr den vorchristlichen Kultst\u00e4ttencharakter der Steinformation scheint die akademische Forschung von einer regelrechten Panik ergriffen zu sein, diesen Sachverhalt einr\u00e4umen zu m\u00fcssen.<br \/>\nExemplarisch f\u00fcr den akademischen Stand der Externsteinforschung ist der 2013 als im Rahmen der Ausstellung \u201eGraben f\u00fcr Germanien\u201c erschienene gleichnamige Begleitband, der unter Federf\u00fchrung der Expertin f\u00fcr mittelalterliche Keramik, Uta Halle, erschien. Hier wird erstmals nicht nur die Bedeutung der Externsteine f\u00fcr die vorchristliche Zeit grunds\u00e4tzlich in Abrede, sondern auch die Kontinuit\u00e4tslinie von Germanen zu Deutschen in Frage gestellt. So hei\u00dft es in Bezug auf Wilhelm Teudt, er habe sich mit der \u201evermeintlich germanischen Vergangenheit der Deutschen\u201c befa\u00dft, ganz so, als sei das deutsche Volk nicht aus den Germanen hervorgegangen. Kritisiert wird hier auch der bereits erw\u00e4hnte Spiegel-Artikel, der es wagte, von einer \u201egermanischen Sternwarte bei Detmold\u201c zu sprechen. Grunds\u00e4tzlich aber, so Autorin San-dra Geringer, sei sowohl \u201edas Konstrukt eines angeblich ethnisch einheitlichen Volkes der Germanen\u201c als auch \u201edie angenommene kulturelle und ethnische Kontinuit\u00e4t von der Jungsteinzeit bis zu den Germanen oder gar bis heute in Frage zu stellen\u201c. Da\u00df es der Autorin dabei nicht um eine wissenschaftliche Pr\u00e4zisierung, sondern vielmehr um den Ansatz geht, die Germanen insgesamt aus der historischen Forschung auszuschlie\u00dfen, beweist ihre h\u00e4ufige Wortwahl \u201evermeintliche Germanen\u201c.13<br \/>\nIn Bezug auf die Externsteine wird stets vom \u201emittelalterlichen Heiligtum\u201c gesprochen, ohne die neueren astronomischen oder historisch-geologischen Erkenntnisse Wolfhard Schlossers und Ulrich Niedhorns mit einem Wort zu erw\u00e4hnen.<br \/>\nSo lange der \u201eStreit um die Externsteine\u201c weiter tobt, ist also nicht damit zu rechnen, da\u00df die Externsteine in der Lehrliteratur an Schulen und Universit\u00e4ten die ihnen zustehende Aufmerksamkeit erlangen werden.<br \/>\nUm so wichtiger ist es, den sogenannten wissenschaftlichen Werken die Tatsachen vorzuhalten, die ihre Behauptungen als unrichtig erweisen. Im vorliegenden Band werden verschiedene, heute kaum mehr zug\u00e4ngliche Aufs\u00e4tze aus der Zeit des dritten Reiches zu den Externsteinen vorgestellt: Insbesondere der umfangreiche Bericht des Assistenten der 1934-1935 unter Leitung von Prof. Julius Andree durchgef\u00fchrten Grabung, Arendt Franssen, bietet einen guten \u00dcberblick \u00fcber die Gabungs- und Forschungst\u00e4tigkeit dieser Zeit und widerlegt die immer wieder ge\u00e4u\u00dferte Auffassung, die Grabungen h\u00e4tten keine Hinweise auf eine vorchristliche Nutzung der Externsteine ergeben. Anhand dieser Aufs\u00e4tze vermag sich der Leser ein eigenes Bild \u00fcber den wahren Hintergrund der vorgeblichen tendenzi\u00f6sen Geschichtswissenschaft aus der Zeit der 30er Jahre verschaffen und ein eigenes Urteil \u00fcber die angeblich gef\u00e4lschten Forschungsergebnisse dieser Zeit gewinnen. Gleichzeitig wird der Leser Zeuge einer Entwicklung, welche durch den Erweis der germanischen Nutzung und Schaffung der Externsteinanlage die Grundlagen der heutigen Erkenntnis fr\u00fchgermanischer und ur-europ\u00e4ischer Kultur legte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend in \u00e4ltester \u00dcberlieferung nie ein Zweifel an der vorchristlichen Existenz eines Heiligtums an den Externsteinen bestanden hat,1 suchte die christliche Kirche im Laufe der Zeit das Gegenteil zu erweisen \u2014 n\u00e4mlich die Schaffung der Anlage erst um das Jahr 1110. 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