Neue Funde stärken Zweifel an klassischer Out-of-Africa-These
![]() Rekonstruktion des Apidima 1-Schädels, der in Griechenland gefunden wurde und plastische Rekonstruktion einer Neandertaler-Frau |
Die „Out-of-Africa“-These schien in den letzten Jahren dank genetischer Erkenntnisse zunehmend unangreifbarer zu werden. Denn durch die Möglichkeit, die Abstammungslinie über einen Abschnitt des Y-Chromosoms zurückzuverfolgen, der nur von einem Vater auf seine männlichen Nachkommen übertragen wird, rekonstruierten Genetiker eine chronologische Verbreitung. Diese soll mit dem sogenannten „Adam des Y-Chromosoms“, also dem ältesten gemeinsamen Vorfahren aller heute lebender Männer, vor ca. 150.000 Jahren in Afrika begonnen haben und sich dann über den Nahen Osten bis nach Asien und Europa nachverfolgen lassen (https://de.wikipedia.org/wiki/Adam_des_Y-Chromosoms#Das_Alter_von_Adam) . Analog zum „Adam“ wurde schon zuvor eine „Ur-Eva“ ermittelt, die wiederum Ur-Ahnin aller heute lebenden Frauen gewesen sein soll und vor 150- 200.000 Jahren in Afrika gelebt hätte.
Kritische Stimmen, die diese hauptsächlich auf Computerberechnungen basierenden Erkenntnisse bezweifelten, kamen in den vergangenen Jahren immer seltener zu Wort, obgleich es schon damals berechtigte wissenschaftliche Einwände gab.
Nun erschüttern neue archäologische und genetische Erkenntnisse diese vorherrschende Out-of-Africa-These erneut.
Die erste dieser Meldungen stammt bereits aus dem Jahr 2017. Damals hatte ein Forschungsteam unter Federführung des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena und der Universität Tübingen bei der Untersuchung mitochondrialer (von Müttern auf Töchter übertragene) DNA aus dem Oberschenkelknochen eines Neandertalers festgestellt, daß dieses bereits Erbgut des modernen Menschen enthielt. Zwischen 470.000 und 220.000 Jahren vor heute müssen sich demnach moderne Menschen mit in Europa lebenden Neandertalern vermischt und in der weiblichen DNA-Linie Spuren hinterlassen haben, wie die Zeitschrift „Nature Communications“ berichtete (https://www.archaeologie-online.de/nachrichten/alte-dna-wirft-neues-licht-auf-neandertaler-evolution-3659/ ).
Da das Erbgut der heutigen Menschen in Europa aber einen Anteil von Neandertaler-Genen aufweist, der zwischen 1,5 und 4% liegt, bedeutet dies, daß die gemeinsame Vorfahrin zumindest der europäischen Frauen älter als 200.000 Jahre sein muß. Denn bei der heute wissenschaftlich favorisierten späteren Vermischung zwischen Neandertalern und einer weiteren Einwanderungswelle moderner Menschen müßten zumindest einige Neandertaler-Mütter ihre Gene innerhalb der weiblichen Linie der Menschen in Europa verewigt haben.
Nun stützt eine weitere Studie die These, derzufolge der moderne Mensch schon viel früher außerhalb Afrikas lebte. Neue Analysen eines Schädels aus einem griechischen Fundort bei Apidima durch die Universitäten Tübingen und Athen ermittelten ein Alter von rund 210.000 Jahren (https://www.archaeologie-online.de/nachrichten/der-frueheste-nachweis-von-homo-sapiens-ausserhalb-afrikas-ist-ein-fund-aus-griechenland-4351/ ). Damit ist der sogenannte „Apidima 1“-Schädel der Nachweis des ältesten modernen Mensch, der außerhalb Afrikas lebte. Gemeinsam mit diesem Schädel aufgefundene Skelettreste von Neandertalern weisen zugleich darauf hin, daß diese frühe Population anatomisch moderner Menschen („Apidima 1“) von Neandertalern verdrängt wurde, die wiederum gegen 40.000 von weiteren Gruppen moderner Menschen verdrängt worden seien.
Beide Studien bestätigen aber die Möglichkeit, daß sich eine Population des modernen Menschen schon früh in Europa verbreitet und ihr Erbgut auch im heutigen Menschen hinterlassen haben könnte.
Neue Hinweise auf Ur-Homo-Typ
Mittlerweile liegen nun auch gewichtige Argumente gegen die Entstehung des UR-Homo-Typs, also des ersten Exemplars der Menschen-Art in Afrika vor:
Bereits im Juni 2009 hatten Wissenschaftler in Spanien die fossilen Überreste eines möglichen Vor-Vorfahren des Menschen entdeckt. Der „Anoiapithecus brevirostris“ hat sich vor rund zwölf Millionen Jahren in Europa entwickelt und wanderte von dort aus nach Afrika ein. Allerdings war nicht klar, ob es sich hier um einen direkten Vorfahren des Menschen oder eine Parallelentwicklung handelte.
Im Mai 2017 untersuchten Wissenschaftler aus Tübingen dann aber zwei etwa 7,2 Mio Jahre alte in Griechenland und Bulgarien gefundene Fossilien des Hominiden „Graecopithecus freyberg“ neu und stellten anhand der verschmolzenen Zahnwurzeln festgestellt, daß es sich bei dem Hominiden um eine bislang unbekannte Vormenschenart handelt. Damit erhärtete sich der Zweifel, ob der Ur-Mensch wirklich in Afrika entstand.
Im September 2017 untermauerten dann Funde von Fußabdrücken eines Hominiden im kretischen Trachilos die ur-europäische Herkunft des Ur-Menschen. Die Abdrücke liegen in einer Schicht Sedimentgestein, die bereits 5,7 Millionen Jahre alt ist, wie Datierungen von winzigen Meeresorganismen in dieser Schicht belegen.
Nun kommt ein neuer Fund dazu, der erstmals von verschiedenen Medien aufgriffen wurde, und als Meilenstein der Paläoanthropologie dazu geeignet ist, die bisherige Sichtweise auf die Evolution der großen Menschenaffen und des Menschen grundlegend in Frage zu stellen. Ein internationales Forschungsteam um Professorin Madelaine Böhme vom Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen hat in Süddeutschland Fossilien einer bislang unbekannten Primatenart entdeckt, die vor 11,62 Millionen Jahren lebte und bereits den aufrechten Gang praktizierte. Der „Danuvius guggenmosi“, so der Name der neu entdeckten Art, wurde in der Tongrube „Hammerschmiede“ im Landkreis Ostallgäu gemeinsam mit mehr als 15.000 fossilen Wirbeltierknochen gefunden. Der Lebensraum von Danuvius waren feuchte und bewaldete Ökosysteme, die vor etwa 12 Millionen Jahren in Süddeutschland vorherrschten. Die Fossilfunde konnte das Team mindestens vier Individuen zuordnen. Das am besten erhaltene Skelett eines männlichen Danuvius verfügt über Proportionen, die einem Bonobo ähneln. Dank vollständig erhaltener Arm- und Beinknochen, Wirbel, Finger- und Zehenknochen ließ sich rekonstruieren, daß sich Danuvius auch auf zwei Beinen fortbewegte, aber auch klettern konnte wie ein Menschenaffe. Den Rumpf hielt er durch eine S-förmig gebogene Wirbelsäule aufrecht. Körperbau, Körperhaltung und Fortbewegungsweise sind für einen Primaten bislang einzigartig. Diese Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass sich der aufrechte Gang des Menschen in Bäumen und vor über 12 Millionen Jahren entwickelte. „Im Gegensatz zu späteren Menschen hatte Danuvius eine kräftige, abgespreizte große Zehe, mit der er große und kleine Äste sicher greifen konnte“, erklärte Professor Nikolai Spassov, von der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften. Die Fossilien zeigen, dass Danuvius etwa einen Meter groß war. Die Weibchen dürften gerade mal 18 Kilogramm gewogen haben, weniger als die heutigen Menschenaffen.
Quellen: https://www.archaeologie-online.de/nachrichten/neuer-vorfahr-des-menschen-in-europa-entdeckt-4471
Vom Autor erschienen: „Hyperborea. Der Mensch aus dem Norden in der Frühgeschichte“. 2. Aufl. Bottrop 2018
