Vor 1220 Jahren starb der Überlieferung nach der heute fast in Vergessenheit geratene Sachsen-Herzog Widukind. Einst stand er dem alles überragenden Cherusker-Fürsten Arminius in höchster Verehrung innerhalb des deutschen Volkes kaum nach. „Wie vor ihm Armin, der Cherusker, steigt er am geschichtlichen Horizont seiner Zeit wie ein Stern auf, zieht seine Bahn, reißt ein Volk mit sich, erhebt sich aus jeder Niederlage neu, um schließlich nach zwölf Jahren wieder in das Dunkel einzugehen“, resümiert Werner Georg Haverbeck 1985.
„Einen großen Vorkämpfer des Germanentums“, nennt ihn Joseph Otto Plaßmann 1939, „der nach 800 Jahren den Freiheitskampf des Arminius erneuerte, der aber, weniger glücklich als jener, an der veränderten Zeit und daran scheiterte, daß es germanische Waffen waren, gegen die er zu kämpfen hatte. Daß er trotz des ungünstigen Ausganges seines Kampfes in seinem Wesen als germanischer Freiheitskämpfer begriffen wurde und als solcher in die volkhafte Sage überging, das zeigt, daß dies Volk sich mit seinem Kampfe einig fühlte; daß es zwar mit dem Ausgange sich abfand, aber das Wollen unverändert teilte, das den großen Führer jahrzehntelang zum Widerstand getrieben hat.“
„Ein Held voll kühnen Muthes und gewaltiger Thatkraft,“ so beschreibt ihn der Historiker Josef Dettmer 1879, „unbeugsam und zäh, wie die Eiche in Westfalens Wäldern, die Seele seines Volkes im Kampfe für die Freiheit, oft besiegt und doch nie überwunden, nie gebeugt, nur dem sanftem Joch des Christenthums sich endlich beugend — das ist der Sachsenführer Widukind. Aus dem Dunkel grauer Vorzeit ragt seine Heldengestalt zu uns herüber, von Sagen mannigfach umwoben. 1100 Jahre sind dahin gegangen, seit er im alten Sachsenlande gelebt und gekämpft für seine und seines Volkes Freiheit, für Heerd und Altar. Aber noch lebt sein Andenken im Volke; noch wird sein Name neben dem des Cheruskerfürsten Armin mit Stolz genannt. Wie dieser, so wird auch Widekind heute noch als Nationalheld gefeiert und gilt ‚für den ganz eigentlichen Repräsentanten Westfalens‘. Sein Bild schmückt darum auch neben dem Armins das Portal des Ständehauses in Westfalens Hauptstadt.“
Noch 1653 hatte Matthäus Merian den Sachsenfürst in seiner „Topographia Saxoniae Inferioris“ zum „Witekind M(agnus)“ ernannt und so gleichwertig Karl dem Großen gegenübergestellt.
Überlebt haben bis heute weder das Ständehaus, noch das dortige Bild Widukinds, ebensowenig die imposante Widukind-Statue in Enger. Daß Widukind überhaupt zum Volkshelden aufstieg, war nicht selbstverständlich, denn „was uns die Geschichte von ihm als glaubwürdig überliefert hat,“ so Dettmers Fazit, „ist wenig. Das Meiste gehört in das Gebiet der Sage oder doch jener Nachrichten, deren Glaubwürdigkeit weniger verbürgt ist. Widukind teilt hierin das Schicksal anderer Helden. Und wenn man es unternimmt, seine Heldengestalt von dem Dunkel zu befreien, so ergeht es einem ähnlich, wie einst dem großen Carl: man kann dem Widukind nicht recht ankommen. Die Feldzüge mit der Feder gegen ihn haben noch weniger durchschlagenden Erfolg, als einst Carls Feldzüge mit dem Schwerte.“
Widukind, auch Wittekind, Weking oder Wiek genannt, entstammte einem westfälischen Adelsgeschlecht und führte von 777 bis 785 als dux Saxonum, also als Herzog der Sachsen, den Widerstand gegen Karl den Großen in den Sachsenkriegen (772 – 804).
Im Jahre 777 wurde sein Name anläßlich des Reichstags von Paderborn erstmals erwähnt. Den christlichen Chronisten zufolge soll sich Widukind im Jahre 785 mit Karl auf einen Frieden geeinigt haben, der mit einer Taufe des Sachsen in der Königspfalz
Attigny besiegelt worden sei. Diese Behauptung wird jedoch von vielen Forschern hinterfragt, die dies als ein Stück kirchlicher Propaganda einstufen, zumal seit diesem Zeitpunkt gesicherte Informationen über Widukinds weiteres Schicksal fehlen. Wäre er wirklich konvertiert, so die Kritiker, hätten sich vermutlich nicht nur Sagen, sondern auch Quellenberichte über das Wirken des christlichen Widukinds erhalten.
Ungeachtet der historischen Wahrheit wurde seine Gestalt im Laufe der Jahrhunderte ins Mythische versetzt und teilweise kultisch verehrt. Innerhalb des 3. Reiches wurde Widukind zum Objekt widerstreitender Sichtweisen, welche die Debatte um seine Person bis heute prägen: Auf der einen Seite stand die völkische Bewegung, die Widukind als Freiheitshelden des deutschen Volkes begriff, der dem „Römling“ und „Sachsenschlächter“ Karl widerstand. Auf der anderen Seite entwickelte sich eine zunehmend vom damaligen Reichskanzler gestützte staatliche Linie, die Karls Rolle als Reichseiniger hervorhob und Widukind als Anführer der sächsischen Sturköpfe deutete. Den völkischen Widukind-Anhängern kam lange zugute, daß die Karls-Verehrung auch in Frankreich, dem Erbfeind Deutschlands, seit dem 19. Jahrhundert in höchster Blüte stand. Der französische König Ludwig XIV. berief sich in seinem imperialen Streben auf Kosten des Deutschen Reiches ebenso auf Karl den Großen wie später Napoleon Bonaparte.
Spätestens mit dem Triumph Deutschlands über den westlichen Nachbarn im Jahr 1940 galt es, einen gemeinsamen Anknüpfungspunkt in der Ahnenverehrung hervorzuheben. Karl der Große, nach dem auch eine französische Waffen-SS-Division benannt wurde, eignete sich dafür optimal, vor allem angesichts der Pläne, das Heilige Römische Reich, als dessen eigentlicher Gründer Karl gilt, unter nationalsozialistischer Führung neu zu beleben.
Heute überwiegt in der Betrachtung die Rolle Karls als „Vater Europas“, der wichtige Impulse zur kulturellen Entwicklung des lateinischen Westens gefördert habe, darunter die Wiederentdeckung der antiken Grammatiker und Rhetoriker, die Erneuerung der Klosterkultur, die Förderung des Schulwesens und eine Schrift- sowie Kalenderreform.
Und was wurde aus Widukind? Im Niedersachsen-Lied hat sein Name bis heute überdauert. Ihre dritte Strophe lautet:
Auf blühend roter Heide
Starben einst vieltausend Mann
Für Niedersachsens Treue
Traf sie des Franken Bann.
Viel tausend Brüder fielen
Von des Henkers Hand.
Viele tausend Brüder
Für ihr Niedersachsenland.
Das war’n die Niedersachsen,
Sturmfest und erdverwachsen,
Heil Herzog Widukinds Stamm!
Das war’n die Niedersachsen,
Sturmfest und erdverwachsen,
Heil Herzog Widukinds Stamm!
Und auch wenn viele Statuen verschwanden, ist zumindest das 1938 errichtete Widukind-Museum seit dem Jahr 2006 wieder existent. Neben den Sachsenkriegen befaßt sich das Museum schwerpunktmäßig mit dem Wandel des Umgangs mit der Widukind-Gestalt und dessen Interpretation im Laufe der Zeit.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Frage, ob Widukind in der Stiftskirche Enger begraben liegt – denn eines von drei, bei Umbaumaßnahmen freigelegten Skeletten aus dem Chor der Stiftskirche, steht im Verdacht, mit Widukind identisch zu sein: Grabfund Nr. 463, ein etwa 60 Jahre alter, 1,82 m großer und kräftiger Mann mit markantem Kinn und schmalem Schädel. Flankiert wurde das Grab links von Grablege Nr. 447, einem etwa 16-jährigen, nur 1,66 m messenden Jugendlichen, und rechts von Grab Nr. 462, einem ebenfalls 60-jährigen, 1,82 m großen und kräftigem Mann, der über ein „kantiges Kinn“ und einen regelrechten „Quadratschädel“ verfügt haben soll.
Im Museum sind die Gräber nachgebildet worden. Während eine erste, 1997 durchgeführte Untersuchung nur entfernte verwandtschaftliche Beziehungen feststellen konnte, revidierte eine Nachuntersuchung das Bild: Demnach besaßen die beiden älteren Männer einen gemeinsamen Vater aber unterschiedliche Mütter.
Bestätigt wurde dagegen eine schon 1997 vermutete Verwandtschaft zwischen dem Mann aus Grab 462 und dem Jugendlichen aus Grab 447, der sich als dessen Sohn entpuppte. Jüngst wurde vom Widukind-Museum Enger eine weitere Untersuchung in Auftrag gegeben, eine 14c- und Isotopen-Analyse, die Aufschluß darüber geben soll, in welchem Jahr die Männer verstorben sind.
Ungewöhnlich war jedoch die Einbettung der Skelette in ausgehöhlte Baumstämme, die an vorchristliche Baumsärge erinnern, wie sie seit der Bronzezeit vor allem in Norddeutschland Verwendung fanden. Diese Sitte wurde bis in das frühe Mittelalter beibehalten, etwa im fränkisch-alamannischen Gräberfeld von Oberflacht bei Tuttlingen (Baden-Württemberg) aus dem 6. Jahrhundert. Sollte sich erhärten, daß einer der hier in der Kirche Bestatteten wirklich Widukind ist, so könnte das dafür sprechen, daß sich der Sachsen-Herzog wirklich hat taufen lassen, denn einem Heiden wäre diese Ehrenbestattung wohl nicht zuteil geworden. Dem kann allerdings entgegengehalten werden, daß die von Karl erlassene Sachsenordnung „Capitulatio de partibus Saxoniae” ausdrücklich vorschreibt:
„Wir befehlen, daß die Leichen der christlichen Sachsen zu den Friedhöfen der Kirche gebracht werden sollen und nicht zu den Grabhügeln der Heiden. ”
Beinhaltet das auch eine Beisetzung innerhalb einer Kirche? Egal wie die Antwort ausfällt, dürfte diese wohl die Diskussion um den Wahrheitsgehalt der oft hinterfragten fränkischen Überlieferung von der Taufe Widukinds ebensowenig beenden, wie die Kontroverse um die Sichtweise auf den Sachsenherzog und den Franken-König Karl.