Forsite Verlag Beiträge zur Frühgeschichte Stammen die frühesten Schriftzeichen aus Nordeuropa?

Stammen die frühesten Schriftzeichen aus Nordeuropa?


Frühe Schriftzeichen und Schrift

Die Meldung klingt sensationell: Vor rund 40.000 Jahren sollen unsere altsteinzeitlichen Vorfahren Zeichen in Werkzeuge und Skulpturen geritzt haben, die als früheste Belege für eine Proto-Schrift gelten können. Dieser Überzeugung sind jedenfalls der Sprachforscher Christian Bentz von der Universität des Saarlandes und die Archäologin Ewa Dutkiewicz vom Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin, die über 3.000 Zeichen auf 260 Objekten mit Computermethoden analysierten. Ihr Ergebnis: Die untersuchten Zeichenabfolgen – Linien, Kerben, Punkte oder Kreuze, die sich oft wiederholen – weisen die gleiche Komplexität und Informationsdichte auf wie die früheste Proto-Keilschrift um 3.000 vor Christus – zehntausende Jahre später.
Für denjenigen, der sich näher mit der europäischen Frühgeschichte befaßt hat, kommt diese Erkenntnis allerdings nicht ganz so überraschend, liegt doch bislang bereits eine Reihe von Funden vor, die auf eine lange zurückreichende Geschichte der Schrift in Europa hindeuten.

As die Hobbyarchäologen Manfred Moosauer und Traudl Bachmaier im Jahre 1998 am Fuße der Alpen nach alten Artefakten stöberten,stießen sie auf etwas, das die archäologische Welt in Staunen versetzte. Hier, in der einstigen Bronzezeit-Siedlung Bernstorf, wurden Goldartefakte, Bronzegegenstände und Bernsteinschmuck ausgegraben. Doch nicht nur das: Zwei gravierte Bernsteinstücke trugen mykenische Linear-B-Inschriften.
Bernstorf, so die Schlußfolgerung der Archäologen, muß auf einer der sogenannten Bernsteinstraßen gelegen haben, die von der Nordsee in das Mittelmeergebiet führten. Über diese Routen gelangte britisches Zinn und nordischer Bernstein bis in den Mittelmeerraum, und umgekehrt fanden Goldschmuck, Glasperlen und Bronzeartefakte aus dem Mittelmeerraum ihren Weg nach Britannien und Jütland. Innerhalb des norddeutschen Wattenmeeres wurden im Laufe der Jahre zahlreiche Artefakte geborgen, die aus Mykene zu stammen schienen und einen intensiven Handel auch per Schiff nahelegen.

Die Linear-B Inschriften aus Bernstorf beweisen, daß Schriftzeichen in der Bronzezeit auch nördlich der Alpen bekannt waren. Und dieser Fund war kein Einzelfall: 1987 wurde an einer lokalen Kultstätte nahe eines Bauernhauses im norwegischen Kongsberg eine in einen Stein gravierte Inschrift neben Schalenabdrücken gefunden. Untersuchungen ergaben, daß es sich um von Minoern genutzte Linear-A-Schriftzeichen handelte, die gegen 1800 v. Zw. eingraviert wurden. Dies könnte entweder ein Beleg für minoische Besucher im Norden Europas sein oder für weitreichende Kontakte nordischer Fürsten, die mit der Linear-A-Schrift vertraut waren.

Tatsächlich existiert hier eine Reihe von Belegen für Schriftsymbole und -Zeichen, die bis in die Altsteinzeit zurückreichen: Im südfranzösischen Chauvet oder in der Les-Trois-Frères Höhle in den Pyrenäen wurden aus der jüngeren Altsteinzeit stammende Zeichen entdeckt, die als frühe Symbolzeichen identifziert wurden.
Spätestens mit dem Neolithikum ist in Nordeuropa ein Schriftzeichensystem nachgewiesen, das seit 3300 v. Zw. auf Tontrommeln (Bild oben), Prunkbeilen und Geräten der Salzmünder Kultur erscheint und Ähnlichkeiten mit Schriftzeichen der Vinca-Kultur (5500 – 4000 v. Zw.) aufweist.
Auch in der bronzezeitlichen Aunjetitzer Kultur erscheinen an donauländische Schriftzeichen („Turdas-Zeichen“) erinnernde sogenannte „Sichelmarken“, die als Vorläufer der Runenschrift angesehen werden könnten.
Diese bis zur Salzmünder Kultur zurückreichenden „vorrunischen Zeichen“ haben sich bis in die Bronzezeit erhalten, wo sie auf den Felsplatten Bohusläns und Östergötlands ihre Entsprechung besitzen, wie Franz Altheim festhielt.
Obgleich Vorformen im Orient belegt sind, ist die Übersteinstimmung zwischen dieser vorrunischen Schrift und der späteren phönizischen Schrift zu frappierend, um nicht an eine Vermittlung von Nord nach Süd im Zuge des Seevölkersturmes zu denken.

Was bedeutet nun die jüngste Neuauswertung von Zeichen, die offensichtlich Informationen bergen, für die Geschichte der Schrift?
Viele Wissenschaftler haben sich bereits skeptisch zu den jüngsten Erkenntnissen der Forscher Christian Bentz und Ewa Dutkiewicz geäußert. Die Schlußfolgerungen der Wissenschaftler seien äußerst spekulativ und bei den Zeichen würde es sich ja gar nicht um eine Schrift handeln. Diese Kritik ist zwar nachvollziehbar, jedoch übersieht sie die Komplexität der Entwicklung einer Schrift: „Die Menschen der Steinzeit brachten solche Zeichen gezielt auf bestimmten Artefakten an“, wie Professor Christian Bentz von der Universität des Saarlandes erläutert. „Die Zeichen tragen Informationen, halten ihre Gedankenwelt fest… Wir kommen mit unserer Forschung dem statistischen Fingerabdruck der Zeichensysteme auf die Spur. Die steinzeitlichen Zeichensequenzen sind eine frühe Alternative zur Schrift.“
Die akademische Gegenwehr scheint vor allem auch ideologisch begründet: Europa, vor allem das Gebiet nördlich der Alpen, darf in der Vorstellung vieler heutiger Wissenschaftler, die die Vorstellung der politischen Korrektheit wie die Muttermilch in sich aufgesogen haben, nicht als kulturell fortschrittlich gelten. Denn das könnte ja dazu führen, daß die Europäer mit Stolz auf ihre Vorfahren blicken könnten.
Doch wenn man sich vor Augen führt, daß sich in Europa zum einen altsteinzeitliche Schriftzeichen finden, die offenbar eine Bedeutung bergen, zum anderen die frühesten Alphabet-ähnlichen Schriftsysteme innerhalb der Vinca-Kultur erscheinen und auch von megalithischen Kulturen Nordeuropas verwendet wurden, liegt die Schlußfolgerung nahe, daß Europa der Ursprungsraum der Schrift ist.

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