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Der Gral und die Katharer



In der heutigen Wahrnehmung erscheint der heilige Gral zumeist als Kelch oder Schüssel, die beim letzten Abendmahl Jesu Verwendung fand und kurz darauf als Gefäß gedient haben soll, in dem Joseph von Arimathea das Blut Jesu aufgefangen habe, nachdem der Legionär Longinus dem Gekreuzigten seine Lanze in den Körper gebohrt hatte.
Diese wohl bekannteste Gralslegende stammt von dem französischen Dichter Robert de Boron, der die christliche Sicht auf den Gral begründete. Bereits zwischen 1181 und 1191 erschien indes die erste bekannte Erwähnung des Grals innerhalb des Romans „Perceval“ von Chrétien de Troyes, der sich auf heidnische Grundlagen berief. Auch hier wird der Gral als goldenes Gefäß bezeichnet.

Wolfram von Eschenbach zufolge, dem der Autor Otto Rahn in seinem Werk „Kreuzzug gegen den Gral“ folgt, war der Gral ursprünglich jedoch ein Edelstein, der magische Kräfte barg – analog der Mythe des Juwels, welcher aus Luzifers Krone auf die Erde fiel. Eschenbachs Grals-Umschreibung „Lapsit Exillis“³ könnte demnach „lapis ex coellis“ (Stein vom Himmel) gemeint haben, denn die ältesten verehrten Steine entstammten oft Meteoriten, also „Himmelsboten“ und enthalten zumeist wertvolle Mineralien oder Elemente.
Auch die seit dem 12. Jahrhundert im Languedoc ansässigen französischen Katharer werden mit dem heiligen Gral in Verbindung gebracht. Sie bezeichneten sich selbst als „die Reinen“, als die wahren Christen. Ihrem dualistischen Weltbild zufolge war der Schöpfer des (geistigen) Universums der gute Gott, alles Materielle wurde jedoch von einem Demiurg erschaffen. Der gnostischen Sicht zufolge, waren die Katharer die Erben des Geheimnisses des Grals, welches von eingeweihten Christen zu den Katharern und von diesen zu den Tempelrittern gelangte – als Indiz lassen sich personelle Verflechtungen zwischen Katharern und Templern vor allem in Südfrankreich anführen. So wie die Katharer lehnten die Tempelritter, jedenfalls einigen Quellen zufolge, ebenfalls die Kreuzesverehrung ab, da das Kreuz Symbol der Fleischwerdung Christi und seiner weltlichen Leiden war.

Vor allem die Frage, um welchen Schatz es sich handelte, der kurz vor Erstürmung der letzten Katharerfestung Montségur 1244 durch das päpstliche Kreuzfahrerheer von nur vier Personen durch unwegsames Gebiet in Sicherheit gebracht werden konnte, bewegte die Gemüter. War jener Gral, der auch hier als transzendentes Symbol aufgefaßt wurde, tatsächlich Synonym für geheime Schriften, die eine verborgene Botschaft bewahrten? Für Rahn lag die Antwort auf der Hand – für ihn waren die Katharer die Erben der Ketzer und Heiden der vorchristlichen Religion. Der Katharer-Gral symbolisiere das „Reich der paradiesischen Freuden“, zugleich das reine, katharische Christentum, das identisch mit der mittelalterlichen Minnekirche war und die Festung Montségur wäre identisch mit dem Montsalvatsch, dem Berg der Erlösung, wo nach Wolfram von Eschenbach der Gral verborgen war.
Allerdings erfährt Rahn von Einheimischen auch von einem zumindest der Sage nach tatsächlich existierenden Schatz: Er befände sich in einer Höhle des Taborwaldes, „von einer überaus schweren Steinplatte gegen Eindringlinge geschützt, und im inneren der Höhle hielten Vipern Wacht“. Er könne nur am Palmsonntag geborgen werden, doch wenn ein Eindringling die Höhle nicht bis zum Ende der traditionellen Messe verlassen hätte, wäre sie wieder verschlossen und er würde Opfer der wiedererwachten Vipern werden.
Die Hüter des Grals, wurden jedoch durch einen blutigen Kreuzzug der Papisten vernichtet – ihr Geheimnis überdauerte indes die Zeiten. Und einiges spricht dafür, daß dieses Geheimnis mit dem Blut zusammenhängt, wenn auch nicht mit jener von Baigent, Leigh und Lincoln behaupteten Blutlinie Jesu, derzufolge Jesu ein Kind mit Maria Magdalena gezeugt habe und dieses in Frankreich aufgewachsen sei, wo es zum Stammvater der Merowinger geworden sei.
„Denn der Gral, der Kelch, welcher — der Legende zufolge — das Blut von Christus aufgefangen hat, steht nur symbolisch für ein höheres Wissen“, das Maurice Magre zufolge „die Essenz der Lehre Jesu“ gewesen sei. „Die Geschichte von dem entscheidenden Wort, das der Eingeweihte Christus weitergegeben hat, wurde zu der Ge­schichte von einem Kelch, einem Speer und einem Kreuz.“

Lange vor Henry Lincoln und seinen Coautoren befaßten sich Anfang des 20. Jahrhunderts die deutschen Ariosophen mit dem „Blutsmysterium“ des Grals, das sie als eine Quelle ihrer Rassenmystik auffaßten. Der Gral verkörpere dabei das durch den innerhalb der christlichen und vorchristlichen Kulte Geopferten vergossene Blut, welches als Heilsmittel anderen zu Gute komme. Der Gral selbst aber sei, so Guido von List, „das Weltschiff, das als Totenschiff durch den Tierkreis fährt“ und die Erde selbst, „die das Samenkorn von der Verwesung rettet; ist das Grab, das durch Wiedergeburt den Menschen aus den Banden des Todes befreit; ist der Mutterschoß, der das Geschlecht vor dem Untergange rettet; ist der Winter, der alle aussterbenden Erdkräfte zum Wiederleben vorbereitet; ist der Kessel der Ceridwen.“
René Guénon unterschiedet hinsichtlich des Grals zwischen „Ur-Zustand“ und „Ur-Tradition“, Seine grundsätzliche Bedeutung sei die gleiche wie im allgemeinen die der heiligen Schale, wo immer man ihr begegnet. „Besonders im Orient“, so Guénon, „enthält sie als Opferschale ursprünglich, wie bereits angedeutet, den Soma der Veden oder den Haoma der Mazdäer, jenen ‚Trank der Unsterblichkeit‘, der die, die ihn, bei entsprechender Eignung, trinken, mit dem ‚Sinn der Ewigkeit‘ begabt oder diesen Sinn zurückgibt.“
Laut Julius Evola ist die Gralssage auf die Gedankenwelt eines ursprünglichen polaren Weisheitszentrums zurückzuführen und nur auf der Grundlage dieser traditionsgebundenen Lehren und dieser übertraditionellen Symbolik geschichtlich wie auch übergeschichtlich zu verstehen. „Der Gral ist“, so Evolas Schlußfolgerung, „ein nordisches Mysterium“, das sich in zwei Motive gliedere: „Das eine bezieht sich auf ein symbolisches, als Ebenbild des höchsten Zentrums erscheinendes Reich, das wiederherzustellen ist. Der Gral ist in ihm nicht mehr anwesend oder hat seine Tugend verloren. Der Gralskönig ist siech, verwundet, vergreist oder von einem bösen Zauber befangen, der ihn scheinbar noch am Leben hält, während er schon seit Jahrhunderten tot ist (von dem Turnier). Das andere Motiv besteht im Vorhandensein eines Helden, der, indem er den Gral erkämpfen kann, sich zu solcher Wiederherstellung verpflichtet fühlen soll; andernfalls verfehlt er seine Aufgabe und seine Heldenkraft wird verflucht (Wolfram). Er soll ein zerbrochenes Schwert wieder zusammenschmieden können. Er soll der „Rächer“ sein.“

Letztlich, so läßt sich bilanzieren, steht der Gral, der „weder bei Chrestien noch bei Wolfram eine christliche Reliquie“ war, als Symbol für das Leben schlechthin, das insbesondere im Blut eine sichtbare Emanation erfährt. Verbunden mit dem Gralsmythos ist sowohl der Ursprung des Lebens – bzw. seiner Bausteine – im Weltall („Stein aus Luzifers Krone“), sein erstes menschliches Entstehungs- und Weisheitszentrum in der Arktis und die Heilungskraft des Menschen. Und obgleich der Gral für Otto etwas primär Geistiges – den „Wunsch nach dem Paradies“ – verkörperte, bedauerte er es, den Gral „nicht gefunden zu haben“.

Am 14. März 1939 fand mit Otto Rahn der bekannteste Gralssucher der Geschichte den Tod in den Bergen in der Nähe von Söll in Tirol. Die wahrscheinlichste Version geht davon aus, daß es sich um einen Freitod handelte, der Rahn von der SS aufgrund homosexueller Fehltritte nahegelegt worden war. Doch bis heute ranken sich Legenden und Sagen nicht nur um den Schriftsteller, sondern auch um seine geliebte Wahlheimat das Languedoc und die die dortige Landschaft prägenden Katharer…

Einleitung aus „Kreuzzug gegen den Gral“

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